Auch Städte haben ein Gesicht

Auch Städte haben ein Gesicht, Stadtbild genannt. Geradezu natürlicherweise ist es von recht unterschiedlichem Inhalt und Qualität. Dem wohlgeordneten, oft historisch entstandenen Stadtbild steht ein anderes gegenüber, das schlicht eine Anhäufung städtischer Funktionen ist, ohne dass ihm ein eigener Charakter zu eigen wäre. 

In unseren Breiten ist vielleicht Münster das Paradebeispiel für ein schönes Stadtbild. Die ohnehin stark historisch geprägte Innenstadt, sauber und aufgeräumt, nicht allzu gross und wohlabgegrenzt ,einerseits intensiv bebaut aber andererseits mit parkähnlichen Zonen durchzogen ,ist gleichzeitig ein Eldorado modernen Kunstschaffens, sodass Altes und Neues in lebhaftem geistigen Austausch miteinander stehen. Seit 1977 und im Zehnjahresrythmus finden dort die „Skulpturen Projekte „ statt, die das ohnehin schon schöne ,aber retrospektive Stadtbild einen modernen Impetus verleihen. Die Ausstellungsstücke dieser massgeblich von dem ehemaligen Kölner Museumsdirektor Kaspar König kuratierten Kunstschau verbleiben nach dem Ende der Präsentation im Stadtbild. Durch geschickte Positionierung bereichern sie das Stadtbild nicht ohne Überraschungen auf eine dauerhaft interessante Weise. Eine Skulpturentour macht die Kunstschätze fussläufig ergehbar. 

Wen wundert, dass das Münsteraner Beispiel Nachahmer findet? In unseren Breiten liess sich die vergleichsweise kleinere Stadt Bingen in diesem  Sommer angelegen sein, dem Münsteraner Beispiel  zu folgen. Dabei gibt das als Weltkulturerbe ausgezeichnete  Mittelrheintal die unüberbietbar schöne, eindrucksvolle Kulisse für die Kunstpräsentation ab. Unter dem nicht sehr aussagekräftigen Titel „ Echt und falsch“ werden entlang des Rheinufers und vereinzelt auch in der Innenstadt von Bingen Werke von etwa 20 meist jungen Künstlern gezeigt, freilich recht unterschiedlicher Qualität. Stärksten Eindruck hinterliess ein Wohnobjekt von Havin Al-Sindy wegen seiner Vorgeschichte und der künstlerischen  Umsetzung. Insgesamt aber eine schöne Harmonie von Natur und Kunst, wenngleich die Natur die Kunst eher in die zweite Liga zu verweisen geeignet ist.

Herwig Nowak

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