Das Künstlergespräch: 5 Fragen an Jo Pellenz

Maler in Köln

1.Frage:

Der Künstler, der freischaffende zumal, steht—neben den sozialen Berufen übrigens– mit seiner wirtschaftlichen Situation im Mittelpunkt der aktuellen Korona- Diskussion von Politik und Bürgertum. Macht Sie das glücklich?

1.Antwort:

Ja, es macht mich glücklich und auch ein wenig stolz, dass der Kunst neben den anderen Lebensbereichen eine gleichwertige Bedeutung zugemessen wird Das ist neu und gereicht den Verantwortlichen zu Ehre .Es zeigt, man hat erkannt dass Kunst und Kultur für den Bestand und die Fortentwicklung unserer Gesellschaft eine tragende Rolle zukommt .Ich bezeichne sie als Motor der Fortentwicklung. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang das Augenmerk auch  auf die Kunstpädagogik, also auf die Heranführung und Unterrichtung der Jugend an die Kunst, richten. Nur wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft.

Grundsätzlich will ich nicht verkennen, dass finanzielle Staatshilfen die unabhängige Entwicklung von Kunst und Kultur zu beeinflussen vermögen. Indessen sehe ich diese Gefahr bei der derzeitigen  staatlichen Hilfe nicht .Die Politik ist geprägt von dem Kriterium einer reinen Überlebenshilfe und hält sich der Höhe nach im Rahmen.

 

2.Frage:

Würden Sie für erfreulicher halten, wenn sein Werk, die Kunst, als integrativer Bestandteil des Lebens stärker im öffentlichen Interesse stünde?

2.Antwort:

Mein Urteil fällt so positiv aus ,weil gerade nicht die Kunst selbst, also das Werk, Gegenstand der staatlichen Hilfspolitik ist. Diese bleibt unabhängig von Art und Qualität des Werks und stellt sich nicht als verdammenswürdige  Kunstzensur da .Dem Schöpfer des Karnevalsliedes soll Hilfe ebenso zustehen wie dem Literaten, der eine Sonette dichtet. Alles das, um die künstlerische Kreativität als Impulsgeber unserer gesamten Entwicklung, übrigens der künstlerischen wie auch der wirtschaftlichen, nicht einzuschränken.

 

3.Frage:

Unter dem Begriff “Paperworks“ fertigen Sie raumgreifende, grössere Kunstwerke aus gerissenem Papier, mit denen Sie grössere Räume, etwa Kirchen, ausstatten. Dabei geben Sie den Räumen eine leichte ,filigrane Anmutung. Sie zerstören ihre Kunstwerke nach der Zeit  ihrer Präsentation. Warum ist die Vergänglichkeit der Kunstwerke für Sie ein so wichtiges Kriterium?

3.Antwort:

Meine Werke folgen den ewigen Gesetzen des Entstehens, des Seins und des Vergehens. Sie sind also vergänglich. Dabei ordnet sich den genannten Phasen ein gewisser Zeitrahmen zu, etwa von Tagen oder Wochen oder länger. Die Phase des Entstehens umfasst das gedankliche Konzept des neuen Werkes, vielleicht der wichtigste Bestandteil des Prozesses des Werdens, dann aber auch in der gleichen Phase das Sammeln und Zusammenfügen der Materialien für die Seinsphase .Die Auflösung des Kunstwerks gehorcht dem obigen Naturgesetz und der Endlichkeit aller Dinge .Übrigens orientiere ich mich hinsichtlich der Dauer der einzelnen Phasen an Vorgaben, etwa an der  Siebentagewoche, die ich dem religiösen Bereich des Lebens entnehme, ohne mich an dezidierte Vorstellungen bestimmter Religionen zu binden .Es ist mithin nicht falsch zu sagen, dass der Behandlung der Werke eine gewisse religiöse Demut zugrunde liegt. All’das schliesst übrigens eine vorherige Dokumentation der Werke in Druck oder anderen Medien nicht aus.

 

4.Frage:

Der modernen Malerei geht das Fein-Darstellende gänzlich ab. Ausgemalte, ins Detail gehende, darstellende Gemälde ,wie etwa solche von Overbeck etc. sind nicht en vogue .Hat die Malerei diesen Bereich an die Fotografie verloren? Warum ist das so? Ist das nicht schade?

4.Antwort:

Prima vista beinhaltet die Fragestellung eine zutreffende Aussage. Aber ist es schlimm ,wenn die Fotografie Aufgaben der Malerei übernimmt? Kommt es doch bei einem Kunstwerk nicht auf das Medium an sondern nur darauf, wie der Künstler mit dem Werk „fertig“ wird. Hier zeigt sich seine Meisterschaft. Auch die fotografisch gefertigte Darstellung kann Kunst sein. Sie eröffnet dem Künstler wie andere Medien auch künstlerische Freiräume, die er zu nutzen verstehen muss. Im übrigen obliegt die Art der künstlerischen Darstellung nicht nur dem Künstler selbst sondern auch der Entscheidung seiner Auftraggeber.

 

5.Frage:

Wie fühlen Sie sich als Künstler in Köln?

5.Antwort:

Die Frage könnte zunächst  eine Meinungsäusserung zu der Stadt als Kunststadt implizieren. Darauf möchte ich aber verzichten und mich einem Detailproblem künstlerischen Schaffens in Köln zuwenden ,das mir am Herzen liegt. Gemeint ist eine Aktivierung der Bürgerbeteiligung im Rahmen der Planungsprozesse. Ich sehe die Bürgerbeteiligung derzeit als ein weitgehend steriles und damit uneffizientes Planungselement an, bei dem dem Bürger keine Gelegenheit gegeben ist, weiterführende innovative Ideen einzubringen. Ob aus Scheu, mit den eigenen Vorstellungen doch kein Gehör zu finden, oder aus welchen anderen Gründen auch immer, verfehlt die Bürgerbeteiligung heute ihre Aufgabe einer eigenen Funktion. Allerdings wünsche ich mir eine künstlerisch begleitete  Mitsprache des Bürgers, weil nur die Kunst in der Lage ist, der Stadt ein Gesicht zu geben, das sie von ihrer Bedeutung und Geschichte her verdient und in die Zukunft weist.

Die Fragen stellte Herwig Nowak.

Corona und die Kunst

-Einige persönliche Bemerkungen-

Die Wehklagen der offiziellen Kulturpolitik über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunst und die Künstler sind bekannt. Die Medien sind insoweit eifrige Berichterstatter. Dabei gilt die Berichterstattung auch den wirtschaftlichen Auswirkungen all` dessen auf  die Institutionen der Kunst und vor allem auf die Situation der Künstler. Staatliche und kommunale Finanzhilfen sind Gegenstand der Politik.

Hier soll die Situation des kunsthungrigen Bürgers thematisiert werden. Natürlich ist er durch ausgefallene Konzerte, geschlossene Theater, Opernhäuser, Museen und Kinos, verschobene Kunstexkursionen in seinem Verlangen nach Kunst getroffen. Aber damit eine Krisenstimmung herbeizureden, würde seiner Situation nicht gerecht. Eher scheint es zuzutreffen, dass der Verzicht auf der einen Seite zu einem Wandel der gelebten Bedürfnisse nach Kunst auf der anderen Seite führt. Denn man kann sicherlich eine Tendenz zu eigeninitiativem Kunstschaffen als Ersatz für weggefallene öffentliche Darbietungen  konstatierten. Das Lesen von Büchern, auch Zeitungen, das Schreiben von Briefen ,das Erleben der Heimat und ihrer auch religiösen Vergangenheit, das Hören eigener oder gestriemter Musik sind wiedererwachte Merkmale dieses Wandels.

Auf dem Gebiet der Literatur ist Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein wunderbarer Wegbegleiter. Nicht deswegen, weil das sehr umfangreiche Werk geeignet ist, auch während längerer Krisenzeiten zu begleiten. Aber doch, weil das Werk nach Schreibstil und Inhalt geeignet ist, den Kopf von den Alltagssorgen zu befreien und in eine wunderbare, poetische Welt einzutauchen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in Paris zur Jahrhundertwende 1900 werden plastisch, wenn man das Buch unter dem Gesichtspunkt “Marcel Proust und die Frauen“ liest.

Zu Hause zu bleiben, mag kurze ,ausnahmsweise Einzelexkursionen nicht ausschliessen, wenn ansonsten „die Decke auf den Kopf zu fallen droht“. Sie befreien den Geist von den  Sorgen des Alltags und öffnen den Blick für die Schönheiten der Natur im Frühjahr 2020.Insoweit soll nur an den Rheingau und seine zauberhaften Ortschaften erinnert werden und vor allem an sein hohes kulturelles Niveau. Es ist  der Mensch, der der Landschaft Höhepunkte verleiht. Mächtige Schlossanlagen, herrliche z.T. frühere Klöster, Kirchen mit langer Religionsgeschichte, pittoreske Ortskerne, überaus liebevoll restauriert, hochherrschaftliche Häuser des 19.Jahrhunderts . Der Malkunst widmet sich eine private Initiative. Dieser „Kunstkeller“ in Hattenheim verdient besonderer Erwähnung. In  Kombination mit einem Ausstellungsraum wird hier moderne, auch internationale abstrakte Malerei dargeboten.

Geradezu „unüberhörbar “gross sind die Möglichkeiten musikalischer Abwechselung von der guten alten Hausmusik auf eigenem Instrument bis zu den gestreamten Diensten der Rundfunk-und Fernsehanstalten von heute. Aber es ist natürlich nicht die technische Seite sondern die emotionale , die der Musik die grösste Bedeutung unter allen erwähnten und nicht erwähnten Künsten für die seelische Verarbeitung der Beschwernisse unserer Zeit verleiht. Dabei sollte eine Unterscheidung zwischen leichter und schwerer Musik kein Unterscheidungskriterium sein. Jacques Offenbach jedenfalls ist gut für die Seele.

Möge Ihnen die Kunst in diesen schwierigen Zeiten Lebensmut machen, Vertrauen schenken, gute Laune verbreiten, kurz: positive Werte vermitteln, die Ihrem gesundheitlichen Wohlergehen überaus förderlich sind.

Herwig Nowak

Persien und die Bilder

-Eine Ausstellung  in der Michael Horbach Stiftung-

„Iran ist ein Land der Bilder“ ,so stellt Charlotte Wiedemann in ihrem lesenswerten Buch „Der neue Iran“, im Vorjahr erschienen, fest. Es ist verdienstvoll, dass sich die Michael Horbach Stiftung in  Köln in ihren Kunsträumen dieser Thematik öffnet. Sie tut dies bereits zum zweiten Mal. Denn bereits vor vier Jahren stellte sie junge iranische Künstler aus. Diesmal geschieht dies unter dem Titel “ Berge begegnen sich nicht“ ,einer bedauerlicherweise verkürzten und deshalb nur schwer verständlichen Widergabe eines persischen Sprichworts.

Verdienstvoll ist das Vorhaben deshalb, weil es zeigt, dass in Persien nicht nur Religion und Politik das Sagen haben, sondern eben auch die Kunst ihren Platz im Öffentlichen Leben beansprucht. Allerdings muss gesagt werden, dass sie oftmals im Dienste der  anderen Staatsziele steht, propagandistisch eingesetzt wird, etwa wenn grossflächige, farbenstarke Wandgemälde im öffentlichen Raum nur aus ihrer politischen Zielsetzung heraus verstanden werden können .Nicht desdo weniger setzt eine alte Kulturnation ihre Kunstgeschichte mit zeitgenössischer Kunst fort und hebt sich damit mutvoll von  kunstfeindlichen Nachbarländern ab.

So sind es also zwei Komponenten, die in die heutige iranische Kunst einfliessen: eine propagandistische und eine andere, die schlicht genuin iranisch sein will und sich dabei mit westlichen Einflüssen auseinandersetzt.

Der Kölner Ausstellung ist-bedauerlicherweise?-eine solche Auseinandersetzung nicht zu eigen. Ambitionen in der einen oder anderen Richtung sind ihr fremd, sie zeigt einfach Bilder.

Herwig Nowak

Ein „buranischer Vormittag“

„Warum in die Ferne schweifen, hört das Gute ist so nahe“. Mit dieser leicht modifizierten, vielleicht auch etwas abgegriffenen Volksweisheit beschreibt sich ein „buranischer Vormittag“,in dessen Mittelpunkt also die Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff stand. In der Tat waren es  ganz überwiegend rheinische Kräfte, die das „Hörfest“ gestalteten. Die choristische Seite sei zunächst genannt ,da das „Hörfest„ doch ein Chorfest war. Und hier sei die „Kölner Kurrende“ zunächst genannt. Dieser Laienchor feierte mit diesem Konzert sein 50 jähriges Bestehen. Damals als Vorortchor gegründet, ist er heute ein fester Bestandteil des Kölner Musiklebens. Aber es waren insgesamt drei Chöre, die unter dem ausdrucksstarken Dirigat von Michael Reif, den Carmina Burana musikalisch Leben verschafften. Ausser dem bereits genannten Chor war es der Europäische Kammerchor und nicht zuletzt die Junge Kantorei St. Martin. Unglaublich schön zu hören, wenn junge unverbildete Kinderstimmen die Liebe unter Erwachsenen besingen.

Aber das Werk lebt natürlich von seiner kompositorischen Seite. Orff´sche Musik hat letztlich doch etwas Opernhaftes an sich, wenn Chorstücke und Solistenstücke mit einander geradezu spektakulär abwechseln, laut und stark rythmisch einmal, überaus feinsinnig, ja inniglich leise zum anderen. Schon der Wechsel als solcher nimmt den Zuhörer gefangen, zu dem dann noch die textlichen und sprachlichen Abwechslungen kommen. Es sind einfache Volksweisheiten, aber getragen von voller Freude am Dasein.

All` dem gaben sie Solisten gekonnt musikalischen Ausdruck: Annabelle Heinen, Sopran, Thomas Laske, Bariton und Oscar de la Torre, Tenor, unterstützt von den Bochumer Symphonikern.

In Zeiten viraler Bedrängnis tut unbefangen Lebensvolles gut.Es gibt uns allen neuen Lebensmut.

Herwig Nowak

War das Bauhaus auch französisch?

Gemeinhin wird die künstlerische Revolution, die das Bauhaus ausgelöst hat, in Deutschland verortet. Die Städte Weimar, Dessau und Berlin waren die geografischen Schwerpunkte für die Kreation des Bauhausstils. Und auch wenn man in`s Kalkül zieht, dass dort Bauhauskünstler aus vielen Ländern tätig waren und ihre Spuren hinterliessen ,gelten der Bauhausstil und seine Produkte wirtschaftlich als der „erfolgreichste kulturelle Exportartikel Deutschlands.“

Das Musee Louis Vuitton, Paris, ohnehin für künstlerische Entdeckungen gut, präsentiert nun  die Ausstellung “Le monde nouveau de Charlotte Perriand“, französische Künstlerin, Architektin, Stadtplanerin und Designerin, die Bauhausideen in Frankreich realisiert hat. Zunächst muss man freilich sagen, dass die Voraussetzungen dafür, einen neuen Stil zu schaffen, in Deutschland und in Frankreich durchaus vergleichbar waren. Der erste Weltkrieg hatte in beiden Ländern furchtbare Wunden geschlagen und der Ruf, Altes einzureissen und nach Neuem zu suchen, war verständlich und unüberhörbar. Die fortschreitende Industrialisierung war in beiden Ländern mit neuen Arbeitsmethoden verbunden und führte zu neuen Produkten. In den Städten stand die bisherige Wohnweise zur Disposition, neue Wohnformen wurden gesucht.

Mit ihrem Ausspruch “La creation ne connait pas de formule“ ruft Charlotte Perriand zu neuen Gestaltungen auf, für die es keine Grenzen gibt. Wie auch in Deutschland beinhaltet der Ausspruch die Zusammenarbeit aller Künste und innerhalb der Künste der Werkstätten mit dem Ziel, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Mag letztere Zielsetzung auch in Deutschland wesentlich ausgeprägter gewesen sein, so war sie immanent auch in Frankreich vorhanden. Sehr plastisch bringt die Ausstellung die Zusammenarbeit von Malerei und Wohnen zum Ausdruck, wo namhafte Künstler, wie Le Corbusier, und besonders Maler, wie Fernand Leger und Robert Delaunay Ideengeber für Architektur und Design sind. In Deutschland ist von Ähnlichem zu sprechen, allerdings mit anderen Namen.

Stärker vielleicht als in Deutschland stellt sich das neue gestalterische Denken in Frankreich auch als ein Dialog der Kulturen dar, namentlich mit derjenigen Japans, wo die Künstlerin zweimal weilte. Bemerkenswert ist der Einfluss japanischer Formen auf ihr wohnbezogenes Schaffen, das wir auch insoweit durchaus als “bauhäuslich“ bezeichnen können.

Aber vielleicht ist die Fragestellung dieses Diskurses zu eng gegriffen. Denn wenn wir nochmals an die stattliche Präsenz ausländischer Künstler in Weimar und Dessau denken, könnte man durchaus auch sagen, dass das Bauhaus europäisch war.

Herwig Nowak