Carmen in Köln

Köln´s musikbegeistertes Publikum hat erregende und anregende Wochen und Monate hinter sich. Ein Jahr lang, zwölf Monate und noch etwas mehr, feierte man Köln´s eingeborenen Sohn, Jacques Offenbach, zu seinem 200 sten Geburtstag. Alle Fazetten seines überaus reichen musikalischen Schaffens kamen zu Gehör: Operetten wurden aufgeführt, Konzerte veranstaltet, Lesungen durchgeführt, Tänzerisches gezeigt, Spaziergänge mit Offenbach veranstaltet, Reisen sogar und selbst Madame Offenbach kam zu Wort und berichtete szenisch und musikalisch von ihrem Mann. Dabei kam manch` Vielgehörtes zu Gehör, erfreulicherweise aber auch manches Verschollene, geradezu Neue. Der Kölner Offenbach-Gesellschaft sei herzlich gedankt für ihre Initiative und deren Realisierung.

Und alles das ist jetzt vorbei? Halt! Nicht ganz. Wer lebhaftes musikalisches Geschehen liebt, für den hält die Oper Köln eine Fortsetzung bereit. Gemeint ist die sehenswerte und erlebenswerte Aufführung von Georges Bizet Oper „Carmen“. Es ist vielleicht nicht falsch, von einer musikalischen Seelenverwandtschaft zwischen Offenbach und Bizet zu sprechen. Denn beiden Komponisten ist eine gewisse Nähe zu ausdruckstarker, theatralischer, eingängiger Musik zu eigen. Und in der Tat waren beide Zeitgenossen miteinander befreundet und Bizet war einer der Gewinner eines von Offenbach zur Unterstützung junger Komponisten ausgeschriebenen Wettbewerbs. Letztlich waren auch die Librettisten für beide Komponisten, für Bizet und für Offenbach, tätig.

Aber alles das ist nicht der Grund für die hier ausgesprochene Empfehlung. “Carmen“  ist eine hochmoderne Oper. Sie behandelt in ihrer Essenz, abgesehen von allem folkloristischen-auch musikalisch-folkloristischem Beiwerk-die Stärke der Frau gegenüber dem Mann. Es ist die Frau, die sich mit ihren eigenen Moral- und Wertvorstellungen gegen die weitgehend von Männern festgelegten Lebensparameter stemmt und ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben führten möchte. Ihr steht eine schwache aber einflussreiche Männergesellschaft gegenüber. Freilich, die Frau bezahlt dafür mit ihrem Leben, aber sie hat auch das von ihr gewollte Leben gelebt. Unglaublich stark, geradezu männermordend stark Stephanie D Òustrac als Carmen von ihrem ersten Auftritt auf der noch leeren Bühne bis zu ihrem Tod. Weniger glücklich allerdings die szenische Umsetzung der Libertinität  Carmen´s in religiösen Dingen. Die Religion als blosses Dekorum abzutuen, das man verhöhnt, wird der Sache nicht gerecht.

Wie gesagt, eine hochmoderne Oper.

Herwig Nowak

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