Getanzte Vielfalt

Es fehlt nicht an Bemühungen und Versuchen, die trüben und coronageschwängerten Wintertage mit etwas mehr Lebensqualität auszustatten. Ob es sich nun um die Lektüre dichterischer oder schriftstellerischer Texte, um dichterische Darbietungen oder gar tänzerische Veranstaltungen handelt, mag dahinstehen. Die Kraft künstlerischer Darbietungen ist allemal geeignet, körperliche oder geistige Tiefpunkte zu korrigieren. Um so verdienstvoller ist es, wenn sich Künstler und Kulturmanager einbringen, um für eine lebhafte Kunstscene in unserer Stadt zu sorgen. So fand in diesen Tagen zum neunten Male das internationale “Tanz. tausch-tanz und performance festival“ statt ,bei dem sich eine grosse Anzahl junger Künstler den verschiedenen Disziplinen der Tanzkunst widmete. Die Tanzkunst wurde in drei Linien präsentiert. Neben einem notwendigerweise gestreamten Bühnenprogramm, das schwergewichtig in der alten Feuerwache ablief, standen Performances und interaktive Formate sowie ein Stadtspaziergang  in der Kölner Nordstadt auf dem Programm.

Die folgende zusammenfassende Darstellung beschränkt sich auf eine Auswahl von 6 der gezeigten und getanzten Bühnenwerke: zwei Solostücke, zwei Duostücke, und zwei Mehrpersonenstücke. Eigenartigerweise lässt sich die Feststellung treffen, dass den Solostücken (Emi Miyoshi; ChemZhang und Kai Strathmann) die stärkste suggestive Kraft innewohnte, was bei dem zweiten Stück namentlich für den männlicher Part galt. Demgegenüber überzeugten die Duostücke(„bye,bye,Baby“ ;“How to take off…“) weniger. Besonders ersterem blieb jeder Neuwert versagt. Das künstlerische Schwergewicht lag bei den Mehrpersonenstücken („Those who knew the rules“;“My body is your body“).Sie übermittelten dem Zuschauer ihre Message klar und verständlich.

Alles in allem: es gebührt den Autoren und den Künstlern des Festivals Dank und Anerkennung, weil sie in diesen trüben Tagen Lichter des Tanzes aufgestellt und zum Leuchten gebracht haben.

Herwig Nowak

Frauen am Ebertplatz

Wer die „Revitalisierung“ des Ebertplatz im Vorjahr  erlebt hat, wird deren Ergebnisse möglicherweise unterschiedlich bewerten. Moderne Kunst, der zu eigen ist, Vorhandenes zu entwerten, etwa Treppenanlagen zu disfunktionalisieren, muss man in ihrer Wertigkeit schon zurückhaltend beurteilen.

Umso mehr muss man eine Neuerung belobigen, die vielleicht etwas im Verborgenen blüht. Gemeint ist  die „Legende Kölner Frauen“ der Kölner Künstlerin Zrinka Budimlija. In einem dunklen Zugang der KVB -Haltestelle zu der eigentlichen Platzanlage des Ebertplatz gelegen, werden die dortigen Leuchtkörper zu leuchtenden Kunstkörpern umfunktioniert. Sie weisen den Besucher darauf hin ,dass er sich zwar in einem reinen Zweckbau des Öffentlichen Personennahverkehrs befindet, der aber künstlerischen Zwecken durchaus zugänglich ist. Sehr abwechslungsreich werden Frauen, lebende wie bereits verstorbene ,dargestellt, für die eine  Beziehung zum Ebertplatzviertel aufgemacht werden kann. Diese kann in bereits lange verstrichenen Zeiträumen stattgefunden haben, sie  reicht aber in anderen Fällen bis in die heutige Gegenwart hinein. Thematisiert werden klösterliche Lebensverläufe aus den vier Klöstern des Stadtviertels ebenso wie heute im Viertel lebende und arbeitende Frauen. Insgesamt werden 17 Frauenbilder und 5 Texttafeln gezeigt. Letztere erklären die geschichtlichen Abläufe, die sich hinter den Frauenschicksalen verbergen. Einzelne Schicksale stellen sich als ein Teil der Kölner Stadtgeschichte dar, etwa wenn man sich den Lebensbericht über die Kölner Stadtpatronin St. Ursula vor Augen führt.

Aber die Präsentation findet ihren Aufmerksamkeitswert nicht  allein durch Geschichtliches. Die künstlerische Darstellung verdient besondere Erwähnung. Und hier ist es das Anliegen der Künstlerin,  die Frau von heute darzustellen und zu würdigen. Es ist nicht die frauliche Schönheit—oder sie ist es nicht allein–,die dargestellt werden soll, sondern es ist eher die Frau als Teil der Gesellschaft von heute: selbstbewust, zupackend ,fast arrogant und wissend um ihre Aufgabe und Funktion, die ihr in der Gesellschaft heute zukommt. Das zu zeigen,  ist das eigentliche Verdienst der  Ausstellung und ihrer Künstlerin und dafür gilt  Glückwunsch und Dank.

 

Herwig Nowak

Gelebte Freundschaft

–Jura studieren in Deutschland und Frankreich—

Wer in diesen Tagen den neuen Brexitvertrag zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich in bildungspolitischer Hinsicht durchsieht, wird ein bedauerliches Defizit erkennen. Gemeint ist der Studentenaustausch im Rahmen des Erasmusprogramms, der nach 30 erfolgreichen Jahren zum Jahresende ausläuft. Die Briten nehmen künftig lediglich am EU-Forschungsprogramm Horizon Europe und am Kernfusionsprojekt ITER  sowie am Copernicus-Satellitenprogramm und am Weltallprogramm SST teil.

All´ das mag Anlass sein, hier auf, das was bleibt hinzuweisen, speziell auf die deutsch-französische Zusammenarbeit auf dem Gebiete des Rechts, wie sie seit Jahren zwischen der Albertus Magnus Universität in Köln und der Universite` Paris (Panth`eon-Sorbonne) durchgeführt wird . Ihre grundsätzliche Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Welch` grosser Fortschritt tut sich den deutschen und den französischen Studenten auf, in einem integrierten Studiengang  als homogene Gruppe die gleichen Fächer studieren zu können und dann mit einem Doppeldiplom(Bachelor of laws und matrisse  en droit) abschliessen zu können. Bei der Matrisse sind zwei Stufen vorgesehen. Im Einzelnen ergeben sich die Teilnahmevoraussetzungen aus der homepage des Studiengangs.

Das Studium beginnt jeweils zum Wintersemester mit einem zweijährigen Aufenthalt an der Universität zu Köln. Dort belegen die Teilnehmer neben den Lehrveranstaltungen des Grundstudiums zusätzliche Lehrveranstaltungen und Arbeitsgemeinschaften im französischen Recht und im  Privatrechsvergleich. Nachdem die Prüfungen an der Kölner Universität bestanden sind ,wird das Studium in Paris fortgesetzt. Hier wird den Studenten der für die französische Maitrisse erforderliche Lehrinhalt vermittelt. Es besteht die Möglichkeit, sich im vierten Jahr zu spezialisieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss in Paris erwerben die Teilnehmer die Maitrisse en droit der Pariser Uni und den bacchelor of laws Köln/Paris.

Für den jungen Studenten begründet das geschilderte Studium eine erhebliche Erweiterung seines Wissenstableau, das-man könnte sagen- nunmehr “bipolar „ ausgelegt ist. Aber nicht nur das: auch rechts- und regelungsvergleichend stehen ihm Abwägungsmöglichkeiten zur Verfügung, die ihm ohne das Studium nicht gegeben gewesen wären. Überflüssig zu sagen, dass das deutsch-französische Doppelstudium eine günstige Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit  in Deutschland und Frankreich ist. Umso erstaunlicher ist allerdings die Feststellung, dass eine solche doppelte Ausbildung lediglich im Bereich der Rechtswissenschaften, nicht aber auch für andere geisteswissenschaftlichen Bereiche, etwa die Volkswirtschaft, gegeben ist. Ob insoweit nicht Nachholbedarf besteht?

Herwig Nowak

 

 

 

Zu den Grenzen der Freiheit

Frankreich erlebt schlimme Ereignisse. Die Enthauptung eines Lehrers durch einen islamisch motivierten Täter setzt die Reihe  krimineller Taten fort, deren bisheriger Höhepunkt der Anschlag auf die  Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“  war. Der Lehrer hatte im Rahmen seines Unterrichts die Meinungs- und Pressefreiheit thematisiert und im Rahmen des Unterrichts Mohamed Karikaturen des genannten Magazins gezeigt und zum Gegenstand des Unterrichts gemacht. Das kostete ihn letztlich sein Leben, weil ihm der Täter nach Schulschluss auflauerte und ihn dann regelrecht enthauptete. Umfangreiche Demonstrationen namentlich in Paris aber auch anderswo machten sich die offizielle regierungsseitige Kommentierung des Ereignisses zu eigen und sehen den Lehrer als Opfer der Freiheit: der Freiheit der Kunst, der Freiheit der Meinungsvielfalt ,der Freiheit ,sich auch über die Religion anderer lustig zu machen.

Soweit der Sachverhalt, wie er sich aus der Berichterstattung der Medien ergibt.

Aber ist damit wirklich alles gesagt? Ein persönliches Wort sei erlaubt: Alles im Leben hat seine Grenzen: die Freiheit selbst, sogar die Lebenserwartung und alles andere, an das man denken kann. Das gilt auch für ein Land, indem die Freiheit eine besonders hohe Wertigkeit hat, weil sie hier eine lange Geschichte hat und hart erkämpft werden musste. Und da stellt sich schon die Frage, ob die Freiheit nicht bezüglich religiöser Grundvorgaben  eine Grenze finden muss, sicherlich übrigens nicht für jedwede religiöse Detailregelung. Aber wenn es um das Ansehen eines Religionsgründers geht, dessen Gläubige unter staatlicher Billigung im Land in grosser Anzahl Aufnahme gefunden haben und die nun zu den Bürgern des Landes zählen, sollte eine Grenzziehung stattfinden. Und diese Grenze müsste im Grundsatz auch für die Karikatur gelten. Sie müsste auf das religiöse Empfinden   der Betroffenen Rücksicht nehmen, und ihnen eine Religionsfreiheit einräumen ,wie sie anderen Bürgern auch gewährt wird. Zur Klarstellung: Mit keinem Wort wird hier dem militanten Islamismus das Wort geredet, wie er  sich bedauerlicherweise in Frankreich festgesetzt hat. Aber vielleicht ist er als Gegenreaktion auf unzureichendes ,also nichtausreichend entschiedenes, vielleicht auch ungeschicktes politisches Vorgehen in der Vergangenheit zu begreifen .Ihm wäre dann mit anderem politischem Handeln beizukommen.

Herwig Nowak

Die ambivalente prometheische Kultur

Eine neue künstlerische Aufführungspraxis bricht sich zunehmend Bahn. Dem WDR kommt insoweit die Rolle eines Wegbereiters zu. “Musik im Dialog“ ist die Bezeichnung unter der sog. Sprechkonzerte veranstaltet werden, in denen sich Sprache und Ton zu einer gemeinsamen  Aussage vereinen. Kristoff Scabo, ohnehin eigenwilliger Regisseur der freien Kölner Theaterszene, und sein F.A.C.E.-Ensemble dreht diese Entwicklung noch ein paar Stufen weiter, indem er  in seiner neuen Produktion “Prometheische Kultur“, in diesen Tagen zu sehen in der „Orangerie“ im Volksgarten, Video, Performance, Sprache, Gesang und Musik zu einer Gesamtheit zusammenführt und ,wenn man will, eine neue Art von „Gesamtkunstwerk „auf die Bühne bringt.  Das Ergebnis ist überwältigend.  Dabei beansprucht das visuelle Erscheinungsbild, das dadurch entsteht, beim Zuschauer so starke Aufmerksamkeit, dass er zeitweise Schwierigkeiten hat, dem textlichen Inhalt des Stückes zu folgen. Auch in der vorliegenden Rezension soll deshalb zunächst das Bildhafte und dann das Worthafte Erwähnung finden und kurz skizziert werden.

Das Bildhafte ist stets in Aufruhr. Ob es sich um mehrere Lattengerüste handelt ,die von den agierenden Personen immer wieder zu neuen Formen verwandelt werden und damit dem menschlichen Handeln gegenüber der Natur Ausdruck geben oder um die ravissante Bildsprache der Videoprojektionen auf dem Boden und den drei Wänden: das alles zusammen mit der musikalischen Interpretation machen die starke Gesamtwirkung des Äusseren aus.

Die Worte geben die Prometheussage wieder. Sie wird interpretiert durch Texte verschiedener Dichter ,die entweder von den Schauspielern gesprochen oder über Lautsprecher zu hören sind. Auch insoweit tritt der starke Anteil der technischen Interpretation hervor, wie oben schon zum Bildhaften bemerkt. Prometheus ist eine tragische Figur. Er bringt zwar das Feuer zu den Menschen und verleiht ihnen damit gestaltende Kraft. Aber sie setzten diese nur bedingt sinnvoll ein. Zu viele Schattenseiten menschlichen Handeln werden sichtbar .An die Überforderung des Planeten ist zu denken wie ebenso an die Vermüllung der Stände und an manches andere. Gerade  unserer Jahrhundert, ja sogar unsere Gegenwart bieten Zeugnisse für eine solche Feststellung. Die „Prometheische Kultur“ deckt diese ambivalente Situation schonungslos auf. Sie ist kein „Sonntagsnachmittag Spaziergang“.

Herwig Nowak

Das neue Licht aus Kalkar

Zu den bekanntesten Kunststädten Deutschlands zählt Kalkar sicherlich nicht, wenngleich die dortige  Pfarrkirche St.Nicolai mit ihren holzgeschnitzten spätgotischen Altären eine wundersame Einheit künstlerischer Darstellungen bietet. Und diese Kirche ist es auch, die erneut zu Aufsehen Veranlassung gibt .Diesmal sind es die Fenster:22 grossflächige Glasarbeiten, künstlerisch gestaltet von dem wiesbadener Künstler  Karl-Martin Hartmann und glaskünstlerisch gefertigt von der Fa. Derrix Art Glass Consultants aus Taunusstein, die nach einer vierundzwanzigjährigen Planungs- und Bauzeit in diesen Tagen eingeweiht wurden und damit ihrerseits-so könnte man zunächst sagen-das Licht der Welt erblickt haben.

Aber korrekterweise  ist es umgekehrt :die Fenster bringen neues Licht in die Welt und wer sie sieht ,nein erlebt, durchzuckt ein Akt der Bewunderung .Das Licht ist nicht nur eine physikalische Grösse sondern wird zu einer künstlerischen, ja göttlichen Erscheinung. Wer also in diesen schönen Herbsttagen St.Nicolai besucht, erlebt einen lichtdurchfluteten Kirchenraum mit wunderbaren Lichtspielen. Die jeweils ca.12 m hohen Fensterflächen, zunächst z.T. aufgeteilt durch einen Mittelbalken aus Stein, teilte der Künstler in unterschiedlich grosse und unterschiedlich geformte Glassektoren auf ,in denen er mit Farben und Formen spielt.  Wenngleich die Formen ungegenständlich sind, findet sich in den Sektoren auch Gegenständliches, das es zu entdecken gilt. Aber natürlich stehen für den Betrachter die Farben im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Einige Fenster nehmen dadurch gefangen, dass wenige -eine oder zwei- Farben die Fensterfläche beherrschen. Bei anderen Fenstern wiederum wird  Vielfarbigkeit erzielt.  Jede fensterliche Darstellung umgibt ein umlaufendes weisses Band.  Ihm kommt Bedeutung zu, weil es die Darstellung auf dem Fenster von dem übrigen-künstlerisch vielleicht überladenen-Kirchenraum ,den berühmten Kalkarer Schnitzereien ,abgrenzt und die Aufmerksamkeit des Betrachters eben auf das Fenster und seine Darstellung lenkt.

Ein Wort der Bewunderung gilt aber auch der organisatorisch-finanziellen Seite des Werkes. Es löst grösste Hochachtung aus ,dass es massgeblich das aktive Bürgertum war, das ein solches Werk initiierte und realisierte. In unserer nicht sehr christlichen Zeit finden sich Bürger zusammen ,die ein Manifest christlicher Kunst schaffen. Der Niederrhein und das Land drumherum ist um eine künstlerische Attraktion reicher geworden.

Herwig Nowak

Wie betreibt man erfolgreiche Kunstförderung?

-Ein Interview mit Torsten Schreiber, künstlerischer Leiter der Johannes-Wasmuth Gesellschaft Bonn e.V.-

1.Frage: Herr Schreiber, Sie sind künstlerischer Leiter der Johannes Wasmuth Gesellschaft e.V.in Bonn, einer privatwirtschaftlich organisierten, gemeinnützigen, sagen wir mittelständischen Gesellschaft, die die Erinnerung an Johannes Wasmuth und seine künstlerische Arbeit im rheinischen Raum wachhält .Was muss man für diesen weitgefächerten Job mitbringen?

Antwort: Man muss alles mitbringen, was man geben kann. Das volle Engagement. Anders ausgedrückt: Man muss für seine Aufgabe brennen. Und man benötigt Kreativität und gute Ideen. Übrigens: Offenheit für Inspirationen, Nachdenken und Waldspaziergänge helfen auch.
Natürlich lassen sich in einem Studium Notwendigkeiten des Handelns erlernen und die Reaktionen darauf auch. Aber die Praxis ist der beste Lehrmeister .Ich selbst habe evangelischen Theologie studiert, nach dem Grundstudium aber die Musikwissenschaft zum Hauptfach gemacht. Statt des Pfarrerberufes habe ich dann den des Konzertmanagers, bzw. des Impresarios, wie es früher hiess, gewählt.

2.Frage: Was war und ist die Praxis?

Antwort: Mir persönlich geht es darum, musikalische und auch außermusikalische Ideen in den unseren Kulturveranstaltungen in der Praxis zu realisieren. Dabei ist das rheinische Publikum ein sehr aufgeschlossenes und dankbar für Neues, das gerne angenommen wird. Übrigens durchaus nicht kritiklos. Zwar ist die Umsetzung des als richtig Erkannten nicht immer leicht. Und dem Kontakt mit den Künstlern widme ich viel Aufmerksamkeit und Zeit. Ihre unterschiedlichen Herkünfte, Gewohnheiten und Eigenheiten-machen das Kreieren von Veranstaltungen noch spannender. Als dritte wichtige Determinante der Arbeit sind Sponsoren und Mäzene zu nennen, ohne die die Veranstaltungen schlechterdings nicht funktionieren, und das große ehrenamtliche Engagement aus Kreisen unseres Vorstandes und unserer Mitglieder.

3.Frage: Gibt es praktische Tricks, diesen Schwierigkeiten beizukommen und ein gutes Programm zu machen?

Antwort: Die praktische Erfahrung ist der beste Lehrmeister . Ich versuche, die Künstlerin und den Künstler in seiner hoffentlich ganzen Persönlichkeit zu sehen, seine Vorlieben, Nöte und Zwänge – und ihm seinen Aufenthalt möglichst leicht und auch originell zu gestalten und auf seine Wünsche einzugehen. Dann kann es beispielsweise gelingen, in seinem Terminplan eine Lücke aufzuspüren und dort eine eigene Veranstaltung zu plazieren.

4.Frage: Kunstförderung in Corona Zeiten

Antwort: Das Geschilderte ist „business as usual“. Die Coronakrise schafft ohne Frage neue Situationen und dauerhafte Wandlungen. Es ist zu früh, bestimmte Trends zu diagnostizieren. Dazu braucht es noch Zeit. Aber sicherlich wird es neue Dimensionierungen für die Räumlichkeiten der Veranstaltungen geben. Der Wasmuth Gesellschaft ist in diesen Wochen die Idee gekommen, mit einer Veranstaltung auf die Rheinwiesen vor dem Bahnhof Rolandseck/Arpmuseum zu gehen – denn ohnehin dürfen wir die Räume des Arpmuseums und des Bahnhofs Rolandseck, die in der Coronazeit ohnehin viel zu klein sind, seit Ende 2019 nicht mehr benutzen. So bleiben wir an Wasmuths Wirkungsstätte trotz des Rauswurfs präsent. Dazu kommt der frisch renovierte Kursaal in Bad Honnef, also gleich gegenüber. Der für 500 Personen ausgelegte Saal kann nun immerhin mit 100 Konzertbesucherinnen und –besuchern belegt werden. Mit diesen beiden Spielorten haben wir gute Erfolge.

Die Fragen stellte Herwig Nowak.

Auch Städte haben ein Gesicht

Auch Städte haben ein Gesicht, Stadtbild genannt. Geradezu natürlicherweise ist es von recht unterschiedlichem Inhalt und Qualität. Dem wohlgeordneten, oft historisch entstandenen Stadtbild steht ein anderes gegenüber, das schlicht eine Anhäufung städtischer Funktionen ist, ohne dass ihm ein eigener Charakter zu eigen wäre. 

In unseren Breiten ist vielleicht Münster das Paradebeispiel für ein schönes Stadtbild. Die ohnehin stark historisch geprägte Innenstadt, sauber und aufgeräumt, nicht allzu gross und wohlabgegrenzt ,einerseits intensiv bebaut aber andererseits mit parkähnlichen Zonen durchzogen ,ist gleichzeitig ein Eldorado modernen Kunstschaffens, sodass Altes und Neues in lebhaftem geistigen Austausch miteinander stehen. Seit 1977 und im Zehnjahresrythmus finden dort die „Skulpturen Projekte „ statt, die das ohnehin schon schöne ,aber retrospektive Stadtbild einen modernen Impetus verleihen. Die Ausstellungsstücke dieser massgeblich von dem ehemaligen Kölner Museumsdirektor Kaspar König kuratierten Kunstschau verbleiben nach dem Ende der Präsentation im Stadtbild. Durch geschickte Positionierung bereichern sie das Stadtbild nicht ohne Überraschungen auf eine dauerhaft interessante Weise. Eine Skulpturentour macht die Kunstschätze fussläufig ergehbar. 

Wen wundert, dass das Münsteraner Beispiel Nachahmer findet? In unseren Breiten liess sich die vergleichsweise kleinere Stadt Bingen in diesem  Sommer angelegen sein, dem Münsteraner Beispiel  zu folgen. Dabei gibt das als Weltkulturerbe ausgezeichnete  Mittelrheintal die unüberbietbar schöne, eindrucksvolle Kulisse für die Kunstpräsentation ab. Unter dem nicht sehr aussagekräftigen Titel „ Echt und falsch“ werden entlang des Rheinufers und vereinzelt auch in der Innenstadt von Bingen Werke von etwa 20 meist jungen Künstlern gezeigt, freilich recht unterschiedlicher Qualität. Stärksten Eindruck hinterliess ein Wohnobjekt von Havin Al-Sindy wegen seiner Vorgeschichte und der künstlerischen  Umsetzung. Insgesamt aber eine schöne Harmonie von Natur und Kunst, wenngleich die Natur die Kunst eher in die zweite Liga zu verweisen geeignet ist.

Herwig Nowak

Eisenbahnfahren mit Paul Delvaux

Belgien, heutzutage wegen seiner unglücklichen seuchenbezogenen Situation, die sich vor allem auf  Antwerpen bezieht, in mancher Munde, gewinnt seine Bedeutung als mitteleuropäischer Staat ob seiner Lage im Herzen des Kontinents .Das Land war Anlaufstelle der europäischen Industriealisierung Anfang des 19.Jahrhunderts . Gerade auf dem Gebiet des Verkehrs und hier  besonders auf dem des damals aufkommenden Eisenbahnverkehrs ist das Land Wegbereiter. Ob es sich um die Verkehrsinfrastruktur oder um das rollende Material der Eisenbahnen selbst handelte: Belgien ist als das erste Eisenbahnland Kontinentaleuropas anzusprechen.

Schön, dass man sich daran auch heute noch erinnert. Der alte ehemalige Bahnhof Brüssel Schaerbeek beherbergt mit zwei modernen Anbauten in seinem dortige Eisenbahnmuseum  belgische und  damit europäische Eisenbahngeschichte. Während der Bahnhof selbst, liebevoll restauriert, mit seinen Schaltern und Aufenthaltsräumen  die Vorbereitung des damaligen Reisens ins Gedächtnis zurückruft, stellen die Annexgebäude das rollende Material in all` seiner Herrlichkeit und Mächtigkeit aus. Damals hatte das Rad noch Riesendimensionen und die Pleulstangen waren aus Guss und hatten Gewicht. Das Bedienungspersonal fungierte als Amtspersonen, trug gewichtige Uniformen und war sich seiner Bedeutung sehr wohl bewusst.

All` das war künstlerisches Sujet des belgischen Malers Paul Delvaux (1897-1994),vielleicht  Surrealist wie Rene Magritte und deswegen gerne in seine Nähe gerückt. Seine Werke ergänzen derzeit die ständige Ausstellung des Eisenbahnmuseums im Bahnhof von Schaerbeek in nicht nur für den Eisenbahnliebhaber sehenswerter Weise. Wenngleich vielleicht die ausgestellten Bilder von Delvaux nicht immer in einer glückhaften Weise präsentiert werden, ergänzen sie die  ständige technische Ausstellung. Sie führen Technik und Natur zusammen und integrieren die technischen Werke in eine liebevolle natürliche,  menschliche Umgebung. Die Bahnhöfe von Delvaux sind eingebettet in eine Baum- und Waldumgebung, seine Züge ebenso. Seine grossen, beherrschenden meist nackten menschlichen Gestalten lassen den Menschen als Herr des Geschehens erscheinen, wenngleich oftmals auch als beziehungsloses Wesen,dem das von ihm inszenierte Geschehen zu entgleiten droht. “Eisenbahn fahren mit Paul Delvaux“ ist, so gesehen, Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermassen. Sehenswert für den Eisenbahnliebhaber!

Herwig Nowak

THVN—getanzt und gebeatet

Auch Beethoven leidet in seinem Gedächtnisjahr 2020 an Coronaler Insuffizienz. Da leuchtet in diesen Tagen, einer Sternschnuppe aus einer fernen Welt vergleichbar ,in seiner Geburtsstadt eine Präsentation auf, die seiner huldigt. An nicht weniger als 10 Örtlichkeiten in der Bonner Innenstadt—an unwirtlichen großstädtischen Betonwüsten wie vor lieblichen  städtischen Brunnen– widmet sich die private Initiative Cocoon Dance Company mit einer Schar junger Tänzer*innen aber auch durchaus älteren und jüngeren Liebhabern der Tanzkunst—tänzerisch und musikalisch der Erinnerung  an den grossen Sohn der Stadt.

Es findet also  ein tänzerisch-musikalischer Stadtparcour statt, der unter Bezeichnungen aus der Beethoven`schen Klangwelt Tanzformate aus der Jetztzeit bietet. “Prometheus“ versucht die meterdicke Mauer des Bonner Stadthauses  zu bezwingen, scheitert aber daran. Gnomenhaft Verkleidete ertanzen ein abgezirkeltes Karree, das sie nicht verliessen. Dabei war der Sinnzweck des Dargebotenen dem Urteil der Zuschauer überlassen. Dem Solotanz wird dabei ebenso Raum gegeben, wie dem Tanz zweier Beteiligter und Gruppentänzen. Auszumachen sind Elemente aus Breakdance, Parcourbewegungen und mehr. Wer allerdings musikalisch die Nähe zu Beethoven sucht, wird sich mit der Musik des Kölner Komponisten Jörg Ritzenhoff bei den Darbietungen etwas schwer tuen. In dem grossartigen finalen Dance Mob an der  Poppelsdorfer Allee finden sich dann allerdings alle Tänzer*innen zu livemusic einer  Band zusammen, die ihre gewisse Nähe zu Beethoven findet.

Insgesamt  eine hörens- und sehenswert-eigenwillige Veranstaltung. Aber Eigenwilligkeit war nun auch sein Charakterzug Beethovens.

Herwig Nowak