Das neue Licht aus Kalkar

Zu den bekanntesten Kunststädten Deutschlands zählt Kalkar sicherlich nicht, wenngleich die dortige  Pfarrkirche St.Nicolai mit ihren holzgeschnitzten spätgotischen Altären eine wundersame Einheit künstlerischer Darstellungen bietet. Und diese Kirche ist es auch, die erneut zu Aufsehen Veranlassung gibt .Diesmal sind es die Fenster:22 grossflächige Glasarbeiten, künstlerisch gestaltet von dem wiesbadener Künstler  Karl-Martin Hartmann und glaskünstlerisch gefertigt von der Fa. Derrix Art Glass Consultants aus Taunusstein, die nach einer vierundzwanzigjährigen Planungs- und Bauzeit in diesen Tagen eingeweiht wurden und damit ihrerseits-so könnte man zunächst sagen-das Licht der Welt erblickt haben.

Aber korrekterweise  ist es umgekehrt :die Fenster bringen neues Licht in die Welt und wer sie sieht ,nein erlebt, durchzuckt ein Akt der Bewunderung .Das Licht ist nicht nur eine physikalische Grösse sondern wird zu einer künstlerischen, ja göttlichen Erscheinung. Wer also in diesen schönen Herbsttagen St.Nicolai besucht, erlebt einen lichtdurchfluteten Kirchenraum mit wunderbaren Lichtspielen. Die jeweils ca.12 m hohen Fensterflächen, zunächst z.T. aufgeteilt durch einen Mittelbalken aus Stein, teilte der Künstler in unterschiedlich grosse und unterschiedlich geformte Glassektoren auf ,in denen er mit Farben und Formen spielt.  Wenngleich die Formen ungegenständlich sind, findet sich in den Sektoren auch Gegenständliches, das es zu entdecken gilt. Aber natürlich stehen für den Betrachter die Farben im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Einige Fenster nehmen dadurch gefangen, dass wenige -eine oder zwei- Farben die Fensterfläche beherrschen. Bei anderen Fenstern wiederum wird  Vielfarbigkeit erzielt.  Jede fensterliche Darstellung umgibt ein umlaufendes weisses Band.  Ihm kommt Bedeutung zu, weil es die Darstellung auf dem Fenster von dem übrigen-künstlerisch vielleicht überladenen-Kirchenraum ,den berühmten Kalkarer Schnitzereien ,abgrenzt und die Aufmerksamkeit des Betrachters eben auf das Fenster und seine Darstellung lenkt.

Ein Wort der Bewunderung gilt aber auch der organisatorisch-finanziellen Seite des Werkes. Es löst grösste Hochachtung aus ,dass es massgeblich das aktive Bürgertum war, das ein solches Werk initiierte und realisierte. In unserer nicht sehr christlichen Zeit finden sich Bürger zusammen ,die ein Manifest christlicher Kunst schaffen. Der Niederrhein und das Land drumherum ist um eine künstlerische Attraktion reicher geworden.

Herwig Nowak

Wie betreibt man erfolgreiche Kunstförderung?

-Ein Interview mit Torsten Schreiber, künstlerischer Leiter der Johannes-Wasmuth Gesellschaft Bonn e.V.-

1.Frage: Herr Schreiber, Sie sind künstlerischer Leiter der Johannes Wasmuth Gesellschaft e.V.in Bonn, einer privatwirtschaftlich organisierten, gemeinnützigen, sagen wir mittelständischen Gesellschaft, die die Erinnerung an Johannes Wasmuth und seine künstlerische Arbeit im rheinischen Raum wachhält .Was muss man für diesen weitgefächerten Job mitbringen?

Antwort: Man muss alles mitbringen, was man geben kann. Das volle Engagement. Anders ausgedrückt: Man muss für seine Aufgabe brennen. Und man benötigt Kreativität und gute Ideen. Übrigens: Offenheit für Inspirationen, Nachdenken und Waldspaziergänge helfen auch.
Natürlich lassen sich in einem Studium Notwendigkeiten des Handelns erlernen und die Reaktionen darauf auch. Aber die Praxis ist der beste Lehrmeister .Ich selbst habe evangelischen Theologie studiert, nach dem Grundstudium aber die Musikwissenschaft zum Hauptfach gemacht. Statt des Pfarrerberufes habe ich dann den des Konzertmanagers, bzw. des Impresarios, wie es früher hiess, gewählt.

2.Frage: Was war und ist die Praxis?

Antwort: Mir persönlich geht es darum, musikalische und auch außermusikalische Ideen in den unseren Kulturveranstaltungen in der Praxis zu realisieren. Dabei ist das rheinische Publikum ein sehr aufgeschlossenes und dankbar für Neues, das gerne angenommen wird. Übrigens durchaus nicht kritiklos. Zwar ist die Umsetzung des als richtig Erkannten nicht immer leicht. Und dem Kontakt mit den Künstlern widme ich viel Aufmerksamkeit und Zeit. Ihre unterschiedlichen Herkünfte, Gewohnheiten und Eigenheiten-machen das Kreieren von Veranstaltungen noch spannender. Als dritte wichtige Determinante der Arbeit sind Sponsoren und Mäzene zu nennen, ohne die die Veranstaltungen schlechterdings nicht funktionieren, und das große ehrenamtliche Engagement aus Kreisen unseres Vorstandes und unserer Mitglieder.

3.Frage: Gibt es praktische Tricks, diesen Schwierigkeiten beizukommen und ein gutes Programm zu machen?

Antwort: Die praktische Erfahrung ist der beste Lehrmeister . Ich versuche, die Künstlerin und den Künstler in seiner hoffentlich ganzen Persönlichkeit zu sehen, seine Vorlieben, Nöte und Zwänge – und ihm seinen Aufenthalt möglichst leicht und auch originell zu gestalten und auf seine Wünsche einzugehen. Dann kann es beispielsweise gelingen, in seinem Terminplan eine Lücke aufzuspüren und dort eine eigene Veranstaltung zu plazieren.

4.Frage: Kunstförderung in Corona Zeiten

Antwort: Das Geschilderte ist „business as usual“. Die Coronakrise schafft ohne Frage neue Situationen und dauerhafte Wandlungen. Es ist zu früh, bestimmte Trends zu diagnostizieren. Dazu braucht es noch Zeit. Aber sicherlich wird es neue Dimensionierungen für die Räumlichkeiten der Veranstaltungen geben. Der Wasmuth Gesellschaft ist in diesen Wochen die Idee gekommen, mit einer Veranstaltung auf die Rheinwiesen vor dem Bahnhof Rolandseck/Arpmuseum zu gehen – denn ohnehin dürfen wir die Räume des Arpmuseums und des Bahnhofs Rolandseck, die in der Coronazeit ohnehin viel zu klein sind, seit Ende 2019 nicht mehr benutzen. So bleiben wir an Wasmuths Wirkungsstätte trotz des Rauswurfs präsent. Dazu kommt der frisch renovierte Kursaal in Bad Honnef, also gleich gegenüber. Der für 500 Personen ausgelegte Saal kann nun immerhin mit 100 Konzertbesucherinnen und –besuchern belegt werden. Mit diesen beiden Spielorten haben wir gute Erfolge.

Die Fragen stellte Herwig Nowak.

Auch Städte haben ein Gesicht

Auch Städte haben ein Gesicht, Stadtbild genannt. Geradezu natürlicherweise ist es von recht unterschiedlichem Inhalt und Qualität. Dem wohlgeordneten, oft historisch entstandenen Stadtbild steht ein anderes gegenüber, das schlicht eine Anhäufung städtischer Funktionen ist, ohne dass ihm ein eigener Charakter zu eigen wäre. 

In unseren Breiten ist vielleicht Münster das Paradebeispiel für ein schönes Stadtbild. Die ohnehin stark historisch geprägte Innenstadt, sauber und aufgeräumt, nicht allzu gross und wohlabgegrenzt ,einerseits intensiv bebaut aber andererseits mit parkähnlichen Zonen durchzogen ,ist gleichzeitig ein Eldorado modernen Kunstschaffens, sodass Altes und Neues in lebhaftem geistigen Austausch miteinander stehen. Seit 1977 und im Zehnjahresrythmus finden dort die „Skulpturen Projekte „ statt, die das ohnehin schon schöne ,aber retrospektive Stadtbild einen modernen Impetus verleihen. Die Ausstellungsstücke dieser massgeblich von dem ehemaligen Kölner Museumsdirektor Kaspar König kuratierten Kunstschau verbleiben nach dem Ende der Präsentation im Stadtbild. Durch geschickte Positionierung bereichern sie das Stadtbild nicht ohne Überraschungen auf eine dauerhaft interessante Weise. Eine Skulpturentour macht die Kunstschätze fussläufig ergehbar. 

Wen wundert, dass das Münsteraner Beispiel Nachahmer findet? In unseren Breiten liess sich die vergleichsweise kleinere Stadt Bingen in diesem  Sommer angelegen sein, dem Münsteraner Beispiel  zu folgen. Dabei gibt das als Weltkulturerbe ausgezeichnete  Mittelrheintal die unüberbietbar schöne, eindrucksvolle Kulisse für die Kunstpräsentation ab. Unter dem nicht sehr aussagekräftigen Titel „ Echt und falsch“ werden entlang des Rheinufers und vereinzelt auch in der Innenstadt von Bingen Werke von etwa 20 meist jungen Künstlern gezeigt, freilich recht unterschiedlicher Qualität. Stärksten Eindruck hinterliess ein Wohnobjekt von Havin Al-Sindy wegen seiner Vorgeschichte und der künstlerischen  Umsetzung. Insgesamt aber eine schöne Harmonie von Natur und Kunst, wenngleich die Natur die Kunst eher in die zweite Liga zu verweisen geeignet ist.

Herwig Nowak

Eisenbahnfahren mit Paul Delvaux

Belgien, heutzutage wegen seiner unglücklichen seuchenbezogenen Situation, die sich vor allem auf  Antwerpen bezieht, in mancher Munde, gewinnt seine Bedeutung als mitteleuropäischer Staat ob seiner Lage im Herzen des Kontinents .Das Land war Anlaufstelle der europäischen Industriealisierung Anfang des 19.Jahrhunderts . Gerade auf dem Gebiet des Verkehrs und hier  besonders auf dem des damals aufkommenden Eisenbahnverkehrs ist das Land Wegbereiter. Ob es sich um die Verkehrsinfrastruktur oder um das rollende Material der Eisenbahnen selbst handelte: Belgien ist als das erste Eisenbahnland Kontinentaleuropas anzusprechen.

Schön, dass man sich daran auch heute noch erinnert. Der alte ehemalige Bahnhof Brüssel Schaerbeek beherbergt mit zwei modernen Anbauten in seinem dortige Eisenbahnmuseum  belgische und  damit europäische Eisenbahngeschichte. Während der Bahnhof selbst, liebevoll restauriert, mit seinen Schaltern und Aufenthaltsräumen  die Vorbereitung des damaligen Reisens ins Gedächtnis zurückruft, stellen die Annexgebäude das rollende Material in all` seiner Herrlichkeit und Mächtigkeit aus. Damals hatte das Rad noch Riesendimensionen und die Pleulstangen waren aus Guss und hatten Gewicht. Das Bedienungspersonal fungierte als Amtspersonen, trug gewichtige Uniformen und war sich seiner Bedeutung sehr wohl bewusst.

All` das war künstlerisches Sujet des belgischen Malers Paul Delvaux (1897-1994),vielleicht  Surrealist wie Rene Magritte und deswegen gerne in seine Nähe gerückt. Seine Werke ergänzen derzeit die ständige Ausstellung des Eisenbahnmuseums im Bahnhof von Schaerbeek in nicht nur für den Eisenbahnliebhaber sehenswerter Weise. Wenngleich vielleicht die ausgestellten Bilder von Delvaux nicht immer in einer glückhaften Weise präsentiert werden, ergänzen sie die  ständige technische Ausstellung. Sie führen Technik und Natur zusammen und integrieren die technischen Werke in eine liebevolle natürliche,  menschliche Umgebung. Die Bahnhöfe von Delvaux sind eingebettet in eine Baum- und Waldumgebung, seine Züge ebenso. Seine grossen, beherrschenden meist nackten menschlichen Gestalten lassen den Menschen als Herr des Geschehens erscheinen, wenngleich oftmals auch als beziehungsloses Wesen,dem das von ihm inszenierte Geschehen zu entgleiten droht. “Eisenbahn fahren mit Paul Delvaux“ ist, so gesehen, Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermassen. Sehenswert für den Eisenbahnliebhaber!

Herwig Nowak

THVN—getanzt und gebeatet

Auch Beethoven leidet in seinem Gedächtnisjahr 2020 an Coronaler Insuffizienz. Da leuchtet in diesen Tagen, einer Sternschnuppe aus einer fernen Welt vergleichbar ,in seiner Geburtsstadt eine Präsentation auf, die seiner huldigt. An nicht weniger als 10 Örtlichkeiten in der Bonner Innenstadt—an unwirtlichen großstädtischen Betonwüsten wie vor lieblichen  städtischen Brunnen– widmet sich die private Initiative Cocoon Dance Company mit einer Schar junger Tänzer*innen aber auch durchaus älteren und jüngeren Liebhabern der Tanzkunst—tänzerisch und musikalisch der Erinnerung  an den grossen Sohn der Stadt.

Es findet also  ein tänzerisch-musikalischer Stadtparcour statt, der unter Bezeichnungen aus der Beethoven`schen Klangwelt Tanzformate aus der Jetztzeit bietet. “Prometheus“ versucht die meterdicke Mauer des Bonner Stadthauses  zu bezwingen, scheitert aber daran. Gnomenhaft Verkleidete ertanzen ein abgezirkeltes Karree, das sie nicht verliessen. Dabei war der Sinnzweck des Dargebotenen dem Urteil der Zuschauer überlassen. Dem Solotanz wird dabei ebenso Raum gegeben, wie dem Tanz zweier Beteiligter und Gruppentänzen. Auszumachen sind Elemente aus Breakdance, Parcourbewegungen und mehr. Wer allerdings musikalisch die Nähe zu Beethoven sucht, wird sich mit der Musik des Kölner Komponisten Jörg Ritzenhoff bei den Darbietungen etwas schwer tuen. In dem grossartigen finalen Dance Mob an der  Poppelsdorfer Allee finden sich dann allerdings alle Tänzer*innen zu livemusic einer  Band zusammen, die ihre gewisse Nähe zu Beethoven findet.

Insgesamt  eine hörens- und sehenswert-eigenwillige Veranstaltung. Aber Eigenwilligkeit war nun auch sein Charakterzug Beethovens.

Herwig Nowak

Die Kunst kommt zum Kunden

„Nachbarliches Musizieren“ während der Coronakrise, in manchen italienischen Städten als Manifestation südländischen Lebenswillens nicht unüblich, ist auch in unserer Stadt nicht unheimisch. Allerdings in etwas anderer Konstellation und eher als sinfonisches Musizieren zu bezeichnen. In tiefer Trauer um all die krisenbedingt ausgefallenen Konzerte hat sich das WDR Sinfonieorchester in kleinere Gruppen von Musikern aufgeteilt und besucht interessierte Zuhörer in ihren heimischen Gefilden. Streichergruppen hier, Flötenensembles dort. Die neue Situation macht also erfinderisch und man sollte sie deshalb nicht uneingeschränkt negativ sehen. Sie gewährt dem Musikliebhaber Nähe zur Kunst und zu den Künstlern, die ihm normalerweise nicht zu gute kommt. Auch bietet sie, wenn wir an andere Kunstformen ,etwa die Oper, denken, Anreize  neue Präsentationsmöglichkeiten und Darstellungsformen zu erkunden, die traditionelle Präsentationen nicht bieten. Sie gibt Gelegenheit zu einem kurzen Gedankenaustausch über die derzeitige Situation der Künste und der Künstler und auch zu einem solchen Gedankenaustausch zu der neuen Spielzeit, dann wieder am vertrauten Ort. Fast überflüssig zu sagen, dass sich bei einem Konzert im Garten eines Hauses in Neustadt-Nord der Kreis der zunächst geladenen Gäste unvorhergesehen erweiterte, weil die Nachbarn Türen und Fenster öffneten und der Musik enthusiastisch lauschten. Aber das war dann doch schon ein bisschen Italien.

Herwig Nowak

Das Künstlergespräch: 5 Fragen an Jo Pellenz

Maler in Köln

1.Frage:

Der Künstler, der freischaffende zumal, steht—neben den sozialen Berufen übrigens– mit seiner wirtschaftlichen Situation im Mittelpunkt der aktuellen Korona- Diskussion von Politik und Bürgertum. Macht Sie das glücklich?

1.Antwort:

Ja, es macht mich glücklich und auch ein wenig stolz, dass der Kunst neben den anderen Lebensbereichen eine gleichwertige Bedeutung zugemessen wird Das ist neu und gereicht den Verantwortlichen zu Ehre .Es zeigt, man hat erkannt dass Kunst und Kultur für den Bestand und die Fortentwicklung unserer Gesellschaft eine tragende Rolle zukommt .Ich bezeichne sie als Motor der Fortentwicklung. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang das Augenmerk auch  auf die Kunstpädagogik, also auf die Heranführung und Unterrichtung der Jugend an die Kunst, richten. Nur wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft.

Grundsätzlich will ich nicht verkennen, dass finanzielle Staatshilfen die unabhängige Entwicklung von Kunst und Kultur zu beeinflussen vermögen. Indessen sehe ich diese Gefahr bei der derzeitigen  staatlichen Hilfe nicht .Die Politik ist geprägt von dem Kriterium einer reinen Überlebenshilfe und hält sich der Höhe nach im Rahmen.

 

2.Frage:

Würden Sie für erfreulicher halten, wenn sein Werk, die Kunst, als integrativer Bestandteil des Lebens stärker im öffentlichen Interesse stünde?

2.Antwort:

Mein Urteil fällt so positiv aus ,weil gerade nicht die Kunst selbst, also das Werk, Gegenstand der staatlichen Hilfspolitik ist. Diese bleibt unabhängig von Art und Qualität des Werks und stellt sich nicht als verdammenswürdige  Kunstzensur da .Dem Schöpfer des Karnevalsliedes soll Hilfe ebenso zustehen wie dem Literaten, der eine Sonette dichtet. Alles das, um die künstlerische Kreativität als Impulsgeber unserer gesamten Entwicklung, übrigens der künstlerischen wie auch der wirtschaftlichen, nicht einzuschränken.

 

3.Frage:

Unter dem Begriff “Paperworks“ fertigen Sie raumgreifende, grössere Kunstwerke aus gerissenem Papier, mit denen Sie grössere Räume, etwa Kirchen, ausstatten. Dabei geben Sie den Räumen eine leichte ,filigrane Anmutung. Sie zerstören ihre Kunstwerke nach der Zeit  ihrer Präsentation. Warum ist die Vergänglichkeit der Kunstwerke für Sie ein so wichtiges Kriterium?

3.Antwort:

Meine Werke folgen den ewigen Gesetzen des Entstehens, des Seins und des Vergehens. Sie sind also vergänglich. Dabei ordnet sich den genannten Phasen ein gewisser Zeitrahmen zu, etwa von Tagen oder Wochen oder länger. Die Phase des Entstehens umfasst das gedankliche Konzept des neuen Werkes, vielleicht der wichtigste Bestandteil des Prozesses des Werdens, dann aber auch in der gleichen Phase das Sammeln und Zusammenfügen der Materialien für die Seinsphase .Die Auflösung des Kunstwerks gehorcht dem obigen Naturgesetz und der Endlichkeit aller Dinge .Übrigens orientiere ich mich hinsichtlich der Dauer der einzelnen Phasen an Vorgaben, etwa an der  Siebentagewoche, die ich dem religiösen Bereich des Lebens entnehme, ohne mich an dezidierte Vorstellungen bestimmter Religionen zu binden .Es ist mithin nicht falsch zu sagen, dass der Behandlung der Werke eine gewisse religiöse Demut zugrunde liegt. All’das schliesst übrigens eine vorherige Dokumentation der Werke in Druck oder anderen Medien nicht aus.

 

4.Frage:

Der modernen Malerei geht das Fein-Darstellende gänzlich ab. Ausgemalte, ins Detail gehende, darstellende Gemälde ,wie etwa solche von Overbeck etc. sind nicht en vogue .Hat die Malerei diesen Bereich an die Fotografie verloren? Warum ist das so? Ist das nicht schade?

4.Antwort:

Prima vista beinhaltet die Fragestellung eine zutreffende Aussage. Aber ist es schlimm ,wenn die Fotografie Aufgaben der Malerei übernimmt? Kommt es doch bei einem Kunstwerk nicht auf das Medium an sondern nur darauf, wie der Künstler mit dem Werk „fertig“ wird. Hier zeigt sich seine Meisterschaft. Auch die fotografisch gefertigte Darstellung kann Kunst sein. Sie eröffnet dem Künstler wie andere Medien auch künstlerische Freiräume, die er zu nutzen verstehen muss. Im übrigen obliegt die Art der künstlerischen Darstellung nicht nur dem Künstler selbst sondern auch der Entscheidung seiner Auftraggeber.

 

5.Frage:

Wie fühlen Sie sich als Künstler in Köln?

5.Antwort:

Die Frage könnte zunächst  eine Meinungsäusserung zu der Stadt als Kunststadt implizieren. Darauf möchte ich aber verzichten und mich einem Detailproblem künstlerischen Schaffens in Köln zuwenden ,das mir am Herzen liegt. Gemeint ist eine Aktivierung der Bürgerbeteiligung im Rahmen der Planungsprozesse. Ich sehe die Bürgerbeteiligung derzeit als ein weitgehend steriles und damit uneffizientes Planungselement an, bei dem dem Bürger keine Gelegenheit gegeben ist, weiterführende innovative Ideen einzubringen. Ob aus Scheu, mit den eigenen Vorstellungen doch kein Gehör zu finden, oder aus welchen anderen Gründen auch immer, verfehlt die Bürgerbeteiligung heute ihre Aufgabe einer eigenen Funktion. Allerdings wünsche ich mir eine künstlerisch begleitete  Mitsprache des Bürgers, weil nur die Kunst in der Lage ist, der Stadt ein Gesicht zu geben, das sie von ihrer Bedeutung und Geschichte her verdient und in die Zukunft weist.

Die Fragen stellte Herwig Nowak.

Corona und die Kunst

-Einige persönliche Bemerkungen-

Die Wehklagen der offiziellen Kulturpolitik über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunst und die Künstler sind bekannt. Die Medien sind insoweit eifrige Berichterstatter. Dabei gilt die Berichterstattung auch den wirtschaftlichen Auswirkungen all` dessen auf  die Institutionen der Kunst und vor allem auf die Situation der Künstler. Staatliche und kommunale Finanzhilfen sind Gegenstand der Politik.

Hier soll die Situation des kunsthungrigen Bürgers thematisiert werden. Natürlich ist er durch ausgefallene Konzerte, geschlossene Theater, Opernhäuser, Museen und Kinos, verschobene Kunstexkursionen in seinem Verlangen nach Kunst getroffen. Aber damit eine Krisenstimmung herbeizureden, würde seiner Situation nicht gerecht. Eher scheint es zuzutreffen, dass der Verzicht auf der einen Seite zu einem Wandel der gelebten Bedürfnisse nach Kunst auf der anderen Seite führt. Denn man kann sicherlich eine Tendenz zu eigeninitiativem Kunstschaffen als Ersatz für weggefallene öffentliche Darbietungen  konstatierten. Das Lesen von Büchern, auch Zeitungen, das Schreiben von Briefen ,das Erleben der Heimat und ihrer auch religiösen Vergangenheit, das Hören eigener oder gestriemter Musik sind wiedererwachte Merkmale dieses Wandels.

Auf dem Gebiet der Literatur ist Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein wunderbarer Wegbegleiter. Nicht deswegen, weil das sehr umfangreiche Werk geeignet ist, auch während längerer Krisenzeiten zu begleiten. Aber doch, weil das Werk nach Schreibstil und Inhalt geeignet ist, den Kopf von den Alltagssorgen zu befreien und in eine wunderbare, poetische Welt einzutauchen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in Paris zur Jahrhundertwende 1900 werden plastisch, wenn man das Buch unter dem Gesichtspunkt “Marcel Proust und die Frauen“ liest.

Zu Hause zu bleiben, mag kurze ,ausnahmsweise Einzelexkursionen nicht ausschliessen, wenn ansonsten „die Decke auf den Kopf zu fallen droht“. Sie befreien den Geist von den  Sorgen des Alltags und öffnen den Blick für die Schönheiten der Natur im Frühjahr 2020.Insoweit soll nur an den Rheingau und seine zauberhaften Ortschaften erinnert werden und vor allem an sein hohes kulturelles Niveau. Es ist  der Mensch, der der Landschaft Höhepunkte verleiht. Mächtige Schlossanlagen, herrliche z.T. frühere Klöster, Kirchen mit langer Religionsgeschichte, pittoreske Ortskerne, überaus liebevoll restauriert, hochherrschaftliche Häuser des 19.Jahrhunderts . Der Malkunst widmet sich eine private Initiative. Dieser „Kunstkeller“ in Hattenheim verdient besonderer Erwähnung. In  Kombination mit einem Ausstellungsraum wird hier moderne, auch internationale abstrakte Malerei dargeboten.

Geradezu „unüberhörbar “gross sind die Möglichkeiten musikalischer Abwechselung von der guten alten Hausmusik auf eigenem Instrument bis zu den gestreamten Diensten der Rundfunk-und Fernsehanstalten von heute. Aber es ist natürlich nicht die technische Seite sondern die emotionale , die der Musik die grösste Bedeutung unter allen erwähnten und nicht erwähnten Künsten für die seelische Verarbeitung der Beschwernisse unserer Zeit verleiht. Dabei sollte eine Unterscheidung zwischen leichter und schwerer Musik kein Unterscheidungskriterium sein. Jacques Offenbach jedenfalls ist gut für die Seele.

Möge Ihnen die Kunst in diesen schwierigen Zeiten Lebensmut machen, Vertrauen schenken, gute Laune verbreiten, kurz: positive Werte vermitteln, die Ihrem gesundheitlichen Wohlergehen überaus förderlich sind.

Herwig Nowak

Persien und die Bilder

-Eine Ausstellung  in der Michael Horbach Stiftung-

„Iran ist ein Land der Bilder“ ,so stellt Charlotte Wiedemann in ihrem lesenswerten Buch „Der neue Iran“, im Vorjahr erschienen, fest. Es ist verdienstvoll, dass sich die Michael Horbach Stiftung in  Köln in ihren Kunsträumen dieser Thematik öffnet. Sie tut dies bereits zum zweiten Mal. Denn bereits vor vier Jahren stellte sie junge iranische Künstler aus. Diesmal geschieht dies unter dem Titel “ Berge begegnen sich nicht“ ,einer bedauerlicherweise verkürzten und deshalb nur schwer verständlichen Widergabe eines persischen Sprichworts.

Verdienstvoll ist das Vorhaben deshalb, weil es zeigt, dass in Persien nicht nur Religion und Politik das Sagen haben, sondern eben auch die Kunst ihren Platz im Öffentlichen Leben beansprucht. Allerdings muss gesagt werden, dass sie oftmals im Dienste der  anderen Staatsziele steht, propagandistisch eingesetzt wird, etwa wenn grossflächige, farbenstarke Wandgemälde im öffentlichen Raum nur aus ihrer politischen Zielsetzung heraus verstanden werden können .Nicht desdo weniger setzt eine alte Kulturnation ihre Kunstgeschichte mit zeitgenössischer Kunst fort und hebt sich damit mutvoll von  kunstfeindlichen Nachbarländern ab.

So sind es also zwei Komponenten, die in die heutige iranische Kunst einfliessen: eine propagandistische und eine andere, die schlicht genuin iranisch sein will und sich dabei mit westlichen Einflüssen auseinandersetzt.

Der Kölner Ausstellung ist-bedauerlicherweise?-eine solche Auseinandersetzung nicht zu eigen. Ambitionen in der einen oder anderen Richtung sind ihr fremd, sie zeigt einfach Bilder.

Herwig Nowak

Ein „buranischer Vormittag“

„Warum in die Ferne schweifen, hört das Gute ist so nahe“. Mit dieser leicht modifizierten, vielleicht auch etwas abgegriffenen Volksweisheit beschreibt sich ein „buranischer Vormittag“,in dessen Mittelpunkt also die Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff stand. In der Tat waren es  ganz überwiegend rheinische Kräfte, die das „Hörfest“ gestalteten. Die choristische Seite sei zunächst genannt ,da das „Hörfest„ doch ein Chorfest war. Und hier sei die „Kölner Kurrende“ zunächst genannt. Dieser Laienchor feierte mit diesem Konzert sein 50 jähriges Bestehen. Damals als Vorortchor gegründet, ist er heute ein fester Bestandteil des Kölner Musiklebens. Aber es waren insgesamt drei Chöre, die unter dem ausdrucksstarken Dirigat von Michael Reif, den Carmina Burana musikalisch Leben verschafften. Ausser dem bereits genannten Chor war es der Europäische Kammerchor und nicht zuletzt die Junge Kantorei St. Martin. Unglaublich schön zu hören, wenn junge unverbildete Kinderstimmen die Liebe unter Erwachsenen besingen.

Aber das Werk lebt natürlich von seiner kompositorischen Seite. Orff´sche Musik hat letztlich doch etwas Opernhaftes an sich, wenn Chorstücke und Solistenstücke mit einander geradezu spektakulär abwechseln, laut und stark rythmisch einmal, überaus feinsinnig, ja inniglich leise zum anderen. Schon der Wechsel als solcher nimmt den Zuhörer gefangen, zu dem dann noch die textlichen und sprachlichen Abwechslungen kommen. Es sind einfache Volksweisheiten, aber getragen von voller Freude am Dasein.

All` dem gaben sie Solisten gekonnt musikalischen Ausdruck: Annabelle Heinen, Sopran, Thomas Laske, Bariton und Oscar de la Torre, Tenor, unterstützt von den Bochumer Symphonikern.

In Zeiten viraler Bedrängnis tut unbefangen Lebensvolles gut.Es gibt uns allen neuen Lebensmut.

Herwig Nowak