Die Kunst kommt zum Kunden

„Nachbarliches Musizieren“ während der Coronakrise, in manchen italienischen Städten als Manifestation südländischen Lebenswillens nicht unüblich, ist auch in unserer Stadt nicht unheimisch. Allerdings in etwas anderer Konstellation und eher als sinfonisches Musizieren zu bezeichnen. In tiefer Trauer um all die krisenbedingt ausgefallenen Konzerte hat sich das WDR Sinfonieorchester in kleinere Gruppen von Musikern aufgeteilt und besucht interessierte Zuhörer in ihren heimischen Gefilden. Streichergruppen hier, Flötenensembles dort. Die neue Situation macht also erfinderisch und man sollte sie deshalb nicht uneingeschränkt negativ sehen. Sie gewährt dem Musikliebhaber Nähe zur Kunst und zu den Künstlern, die ihm normalerweise nicht zu gute kommt. Auch bietet sie, wenn wir an andere Kunstformen ,etwa die Oper, denken, Anreize  neue Präsentationsmöglichkeiten und Darstellungsformen zu erkunden, die traditionelle Präsentationen nicht bieten. Sie gibt Gelegenheit zu einem kurzen Gedankenaustausch über die derzeitige Situation der Künste und der Künstler und auch zu einem solchen Gedankenaustausch zu der neuen Spielzeit, dann wieder am vertrauten Ort. Fast überflüssig zu sagen, dass sich bei einem Konzert im Garten eines Hauses in Neustadt-Nord der Kreis der zunächst geladenen Gäste unvorhergesehen erweiterte, weil die Nachbarn Türen und Fenster öffneten und der Musik enthusiastisch lauschten. Aber das war dann doch schon ein bisschen Italien.

Herwig Nowak

Das Künstlergespräch: 5 Fragen an Jo Pellenz

Maler in Köln

1.Frage:

Der Künstler, der freischaffende zumal, steht—neben den sozialen Berufen übrigens– mit seiner wirtschaftlichen Situation im Mittelpunkt der aktuellen Korona- Diskussion von Politik und Bürgertum. Macht Sie das glücklich?

1.Antwort:

Ja, es macht mich glücklich und auch ein wenig stolz, dass der Kunst neben den anderen Lebensbereichen eine gleichwertige Bedeutung zugemessen wird Das ist neu und gereicht den Verantwortlichen zu Ehre .Es zeigt, man hat erkannt dass Kunst und Kultur für den Bestand und die Fortentwicklung unserer Gesellschaft eine tragende Rolle zukommt .Ich bezeichne sie als Motor der Fortentwicklung. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang das Augenmerk auch  auf die Kunstpädagogik, also auf die Heranführung und Unterrichtung der Jugend an die Kunst, richten. Nur wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft.

Grundsätzlich will ich nicht verkennen, dass finanzielle Staatshilfen die unabhängige Entwicklung von Kunst und Kultur zu beeinflussen vermögen. Indessen sehe ich diese Gefahr bei der derzeitigen  staatlichen Hilfe nicht .Die Politik ist geprägt von dem Kriterium einer reinen Überlebenshilfe und hält sich der Höhe nach im Rahmen.

 

2.Frage:

Würden Sie für erfreulicher halten, wenn sein Werk, die Kunst, als integrativer Bestandteil des Lebens stärker im öffentlichen Interesse stünde?

2.Antwort:

Mein Urteil fällt so positiv aus ,weil gerade nicht die Kunst selbst, also das Werk, Gegenstand der staatlichen Hilfspolitik ist. Diese bleibt unabhängig von Art und Qualität des Werks und stellt sich nicht als verdammenswürdige  Kunstzensur da .Dem Schöpfer des Karnevalsliedes soll Hilfe ebenso zustehen wie dem Literaten, der eine Sonette dichtet. Alles das, um die künstlerische Kreativität als Impulsgeber unserer gesamten Entwicklung, übrigens der künstlerischen wie auch der wirtschaftlichen, nicht einzuschränken.

 

3.Frage:

Unter dem Begriff “Paperworks“ fertigen Sie raumgreifende, grössere Kunstwerke aus gerissenem Papier, mit denen Sie grössere Räume, etwa Kirchen, ausstatten. Dabei geben Sie den Räumen eine leichte ,filigrane Anmutung. Sie zerstören ihre Kunstwerke nach der Zeit  ihrer Präsentation. Warum ist die Vergänglichkeit der Kunstwerke für Sie ein so wichtiges Kriterium?

3.Antwort:

Meine Werke folgen den ewigen Gesetzen des Entstehens, des Seins und des Vergehens. Sie sind also vergänglich. Dabei ordnet sich den genannten Phasen ein gewisser Zeitrahmen zu, etwa von Tagen oder Wochen oder länger. Die Phase des Entstehens umfasst das gedankliche Konzept des neuen Werkes, vielleicht der wichtigste Bestandteil des Prozesses des Werdens, dann aber auch in der gleichen Phase das Sammeln und Zusammenfügen der Materialien für die Seinsphase .Die Auflösung des Kunstwerks gehorcht dem obigen Naturgesetz und der Endlichkeit aller Dinge .Übrigens orientiere ich mich hinsichtlich der Dauer der einzelnen Phasen an Vorgaben, etwa an der  Siebentagewoche, die ich dem religiösen Bereich des Lebens entnehme, ohne mich an dezidierte Vorstellungen bestimmter Religionen zu binden .Es ist mithin nicht falsch zu sagen, dass der Behandlung der Werke eine gewisse religiöse Demut zugrunde liegt. All’das schliesst übrigens eine vorherige Dokumentation der Werke in Druck oder anderen Medien nicht aus.

 

4.Frage:

Der modernen Malerei geht das Fein-Darstellende gänzlich ab. Ausgemalte, ins Detail gehende, darstellende Gemälde ,wie etwa solche von Overbeck etc. sind nicht en vogue .Hat die Malerei diesen Bereich an die Fotografie verloren? Warum ist das so? Ist das nicht schade?

4.Antwort:

Prima vista beinhaltet die Fragestellung eine zutreffende Aussage. Aber ist es schlimm ,wenn die Fotografie Aufgaben der Malerei übernimmt? Kommt es doch bei einem Kunstwerk nicht auf das Medium an sondern nur darauf, wie der Künstler mit dem Werk „fertig“ wird. Hier zeigt sich seine Meisterschaft. Auch die fotografisch gefertigte Darstellung kann Kunst sein. Sie eröffnet dem Künstler wie andere Medien auch künstlerische Freiräume, die er zu nutzen verstehen muss. Im übrigen obliegt die Art der künstlerischen Darstellung nicht nur dem Künstler selbst sondern auch der Entscheidung seiner Auftraggeber.

 

5.Frage:

Wie fühlen Sie sich als Künstler in Köln?

5.Antwort:

Die Frage könnte zunächst  eine Meinungsäusserung zu der Stadt als Kunststadt implizieren. Darauf möchte ich aber verzichten und mich einem Detailproblem künstlerischen Schaffens in Köln zuwenden ,das mir am Herzen liegt. Gemeint ist eine Aktivierung der Bürgerbeteiligung im Rahmen der Planungsprozesse. Ich sehe die Bürgerbeteiligung derzeit als ein weitgehend steriles und damit uneffizientes Planungselement an, bei dem dem Bürger keine Gelegenheit gegeben ist, weiterführende innovative Ideen einzubringen. Ob aus Scheu, mit den eigenen Vorstellungen doch kein Gehör zu finden, oder aus welchen anderen Gründen auch immer, verfehlt die Bürgerbeteiligung heute ihre Aufgabe einer eigenen Funktion. Allerdings wünsche ich mir eine künstlerisch begleitete  Mitsprache des Bürgers, weil nur die Kunst in der Lage ist, der Stadt ein Gesicht zu geben, das sie von ihrer Bedeutung und Geschichte her verdient und in die Zukunft weist.

Die Fragen stellte Herwig Nowak.

Corona und die Kunst

-Einige persönliche Bemerkungen-

Die Wehklagen der offiziellen Kulturpolitik über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunst und die Künstler sind bekannt. Die Medien sind insoweit eifrige Berichterstatter. Dabei gilt die Berichterstattung auch den wirtschaftlichen Auswirkungen all` dessen auf  die Institutionen der Kunst und vor allem auf die Situation der Künstler. Staatliche und kommunale Finanzhilfen sind Gegenstand der Politik.

Hier soll die Situation des kunsthungrigen Bürgers thematisiert werden. Natürlich ist er durch ausgefallene Konzerte, geschlossene Theater, Opernhäuser, Museen und Kinos, verschobene Kunstexkursionen in seinem Verlangen nach Kunst getroffen. Aber damit eine Krisenstimmung herbeizureden, würde seiner Situation nicht gerecht. Eher scheint es zuzutreffen, dass der Verzicht auf der einen Seite zu einem Wandel der gelebten Bedürfnisse nach Kunst auf der anderen Seite führt. Denn man kann sicherlich eine Tendenz zu eigeninitiativem Kunstschaffen als Ersatz für weggefallene öffentliche Darbietungen  konstatierten. Das Lesen von Büchern, auch Zeitungen, das Schreiben von Briefen ,das Erleben der Heimat und ihrer auch religiösen Vergangenheit, das Hören eigener oder gestriemter Musik sind wiedererwachte Merkmale dieses Wandels.

Auf dem Gebiet der Literatur ist Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein wunderbarer Wegbegleiter. Nicht deswegen, weil das sehr umfangreiche Werk geeignet ist, auch während längerer Krisenzeiten zu begleiten. Aber doch, weil das Werk nach Schreibstil und Inhalt geeignet ist, den Kopf von den Alltagssorgen zu befreien und in eine wunderbare, poetische Welt einzutauchen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in Paris zur Jahrhundertwende 1900 werden plastisch, wenn man das Buch unter dem Gesichtspunkt “Marcel Proust und die Frauen“ liest.

Zu Hause zu bleiben, mag kurze ,ausnahmsweise Einzelexkursionen nicht ausschliessen, wenn ansonsten „die Decke auf den Kopf zu fallen droht“. Sie befreien den Geist von den  Sorgen des Alltags und öffnen den Blick für die Schönheiten der Natur im Frühjahr 2020.Insoweit soll nur an den Rheingau und seine zauberhaften Ortschaften erinnert werden und vor allem an sein hohes kulturelles Niveau. Es ist  der Mensch, der der Landschaft Höhepunkte verleiht. Mächtige Schlossanlagen, herrliche z.T. frühere Klöster, Kirchen mit langer Religionsgeschichte, pittoreske Ortskerne, überaus liebevoll restauriert, hochherrschaftliche Häuser des 19.Jahrhunderts . Der Malkunst widmet sich eine private Initiative. Dieser „Kunstkeller“ in Hattenheim verdient besonderer Erwähnung. In  Kombination mit einem Ausstellungsraum wird hier moderne, auch internationale abstrakte Malerei dargeboten.

Geradezu „unüberhörbar “gross sind die Möglichkeiten musikalischer Abwechselung von der guten alten Hausmusik auf eigenem Instrument bis zu den gestreamten Diensten der Rundfunk-und Fernsehanstalten von heute. Aber es ist natürlich nicht die technische Seite sondern die emotionale , die der Musik die grösste Bedeutung unter allen erwähnten und nicht erwähnten Künsten für die seelische Verarbeitung der Beschwernisse unserer Zeit verleiht. Dabei sollte eine Unterscheidung zwischen leichter und schwerer Musik kein Unterscheidungskriterium sein. Jacques Offenbach jedenfalls ist gut für die Seele.

Möge Ihnen die Kunst in diesen schwierigen Zeiten Lebensmut machen, Vertrauen schenken, gute Laune verbreiten, kurz: positive Werte vermitteln, die Ihrem gesundheitlichen Wohlergehen überaus förderlich sind.

Herwig Nowak

Persien und die Bilder

-Eine Ausstellung  in der Michael Horbach Stiftung-

„Iran ist ein Land der Bilder“ ,so stellt Charlotte Wiedemann in ihrem lesenswerten Buch „Der neue Iran“, im Vorjahr erschienen, fest. Es ist verdienstvoll, dass sich die Michael Horbach Stiftung in  Köln in ihren Kunsträumen dieser Thematik öffnet. Sie tut dies bereits zum zweiten Mal. Denn bereits vor vier Jahren stellte sie junge iranische Künstler aus. Diesmal geschieht dies unter dem Titel “ Berge begegnen sich nicht“ ,einer bedauerlicherweise verkürzten und deshalb nur schwer verständlichen Widergabe eines persischen Sprichworts.

Verdienstvoll ist das Vorhaben deshalb, weil es zeigt, dass in Persien nicht nur Religion und Politik das Sagen haben, sondern eben auch die Kunst ihren Platz im Öffentlichen Leben beansprucht. Allerdings muss gesagt werden, dass sie oftmals im Dienste der  anderen Staatsziele steht, propagandistisch eingesetzt wird, etwa wenn grossflächige, farbenstarke Wandgemälde im öffentlichen Raum nur aus ihrer politischen Zielsetzung heraus verstanden werden können .Nicht desdo weniger setzt eine alte Kulturnation ihre Kunstgeschichte mit zeitgenössischer Kunst fort und hebt sich damit mutvoll von  kunstfeindlichen Nachbarländern ab.

So sind es also zwei Komponenten, die in die heutige iranische Kunst einfliessen: eine propagandistische und eine andere, die schlicht genuin iranisch sein will und sich dabei mit westlichen Einflüssen auseinandersetzt.

Der Kölner Ausstellung ist-bedauerlicherweise?-eine solche Auseinandersetzung nicht zu eigen. Ambitionen in der einen oder anderen Richtung sind ihr fremd, sie zeigt einfach Bilder.

Herwig Nowak

Ein „buranischer Vormittag“

„Warum in die Ferne schweifen, hört das Gute ist so nahe“. Mit dieser leicht modifizierten, vielleicht auch etwas abgegriffenen Volksweisheit beschreibt sich ein „buranischer Vormittag“,in dessen Mittelpunkt also die Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff stand. In der Tat waren es  ganz überwiegend rheinische Kräfte, die das „Hörfest“ gestalteten. Die choristische Seite sei zunächst genannt ,da das „Hörfest„ doch ein Chorfest war. Und hier sei die „Kölner Kurrende“ zunächst genannt. Dieser Laienchor feierte mit diesem Konzert sein 50 jähriges Bestehen. Damals als Vorortchor gegründet, ist er heute ein fester Bestandteil des Kölner Musiklebens. Aber es waren insgesamt drei Chöre, die unter dem ausdrucksstarken Dirigat von Michael Reif, den Carmina Burana musikalisch Leben verschafften. Ausser dem bereits genannten Chor war es der Europäische Kammerchor und nicht zuletzt die Junge Kantorei St. Martin. Unglaublich schön zu hören, wenn junge unverbildete Kinderstimmen die Liebe unter Erwachsenen besingen.

Aber das Werk lebt natürlich von seiner kompositorischen Seite. Orff´sche Musik hat letztlich doch etwas Opernhaftes an sich, wenn Chorstücke und Solistenstücke mit einander geradezu spektakulär abwechseln, laut und stark rythmisch einmal, überaus feinsinnig, ja inniglich leise zum anderen. Schon der Wechsel als solcher nimmt den Zuhörer gefangen, zu dem dann noch die textlichen und sprachlichen Abwechslungen kommen. Es sind einfache Volksweisheiten, aber getragen von voller Freude am Dasein.

All` dem gaben sie Solisten gekonnt musikalischen Ausdruck: Annabelle Heinen, Sopran, Thomas Laske, Bariton und Oscar de la Torre, Tenor, unterstützt von den Bochumer Symphonikern.

In Zeiten viraler Bedrängnis tut unbefangen Lebensvolles gut.Es gibt uns allen neuen Lebensmut.

Herwig Nowak

War das Bauhaus auch französisch?

Gemeinhin wird die künstlerische Revolution, die das Bauhaus ausgelöst hat, in Deutschland verortet. Die Städte Weimar, Dessau und Berlin waren die geografischen Schwerpunkte für die Kreation des Bauhausstils. Und auch wenn man in`s Kalkül zieht, dass dort Bauhauskünstler aus vielen Ländern tätig waren und ihre Spuren hinterliessen ,gelten der Bauhausstil und seine Produkte wirtschaftlich als der „erfolgreichste kulturelle Exportartikel Deutschlands.“

Das Musee Louis Vuitton, Paris, ohnehin für künstlerische Entdeckungen gut, präsentiert nun  die Ausstellung “Le monde nouveau de Charlotte Perriand“, französische Künstlerin, Architektin, Stadtplanerin und Designerin, die Bauhausideen in Frankreich realisiert hat. Zunächst muss man freilich sagen, dass die Voraussetzungen dafür, einen neuen Stil zu schaffen, in Deutschland und in Frankreich durchaus vergleichbar waren. Der erste Weltkrieg hatte in beiden Ländern furchtbare Wunden geschlagen und der Ruf, Altes einzureissen und nach Neuem zu suchen, war verständlich und unüberhörbar. Die fortschreitende Industrialisierung war in beiden Ländern mit neuen Arbeitsmethoden verbunden und führte zu neuen Produkten. In den Städten stand die bisherige Wohnweise zur Disposition, neue Wohnformen wurden gesucht.

Mit ihrem Ausspruch “La creation ne connait pas de formule“ ruft Charlotte Perriand zu neuen Gestaltungen auf, für die es keine Grenzen gibt. Wie auch in Deutschland beinhaltet der Ausspruch die Zusammenarbeit aller Künste und innerhalb der Künste der Werkstätten mit dem Ziel, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Mag letztere Zielsetzung auch in Deutschland wesentlich ausgeprägter gewesen sein, so war sie immanent auch in Frankreich vorhanden. Sehr plastisch bringt die Ausstellung die Zusammenarbeit von Malerei und Wohnen zum Ausdruck, wo namhafte Künstler, wie Le Corbusier, und besonders Maler, wie Fernand Leger und Robert Delaunay Ideengeber für Architektur und Design sind. In Deutschland ist von Ähnlichem zu sprechen, allerdings mit anderen Namen.

Stärker vielleicht als in Deutschland stellt sich das neue gestalterische Denken in Frankreich auch als ein Dialog der Kulturen dar, namentlich mit derjenigen Japans, wo die Künstlerin zweimal weilte. Bemerkenswert ist der Einfluss japanischer Formen auf ihr wohnbezogenes Schaffen, das wir auch insoweit durchaus als “bauhäuslich“ bezeichnen können.

Aber vielleicht ist die Fragestellung dieses Diskurses zu eng gegriffen. Denn wenn wir nochmals an die stattliche Präsenz ausländischer Künstler in Weimar und Dessau denken, könnte man durchaus auch sagen, dass das Bauhaus europäisch war.

Herwig Nowak

Rossmännisches…

-Feststellungen und Bewertungen-

Walther König ist den Kölnern eher als grosser Buchhändler, spezialisiert auf Kunstbücher, besonders  Architekturliteratur, bekannt, denn als Buchverleger. Aber auch das ist er. Und an den “Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln“ ist hier zu erinnern. Denn in ihm ist in diesen Wochen ein Buch erschienen, das Aufmerksamkeit in unserer Stadt verdient. Gemeint ist das Glossar von Andreas Rossmann “Das kann nur Köln sein“. Eben ein Glossar, das die Berichte des Kulturkorrespondenten der „ Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Andreas Rossmann, über eben diese Stadt in den letzten 40 Jahren enthält. Penibel aufgelistet, und einzelnen Themen zugeordnet, Themen, die damals und heute noch in aller Munde sind, wie Dom und Oper, und Themen von nur kurzer Aktualität.

Dabei war Rossmann nie ein liebedienerischer Kommentator. Sein Urteil, wenngleich objektiv, galt als streng und scharf formuliert. Keine zuvorkommenden Wortwendungen ,wenn es galt wahrheitgemäss und unverstellt zu berichten. Kein Kölsches Herz also, wie man es sich erhofft. Wohl klar, dass Mancher vor seiner Beurteilung geradezu Angst hatte.

Es ist schon sehr eigenartig, wie anders eine Beurteilung   der Glossen des Buches heute ausfällt und mit welcher Gefühlsstimmung man sich von dem Buch verabschiedet, wenn man es gelesen hat. Sicher wäre übertrieben, von liebevollen Einzelbeurteilungen zu sprechen. Aber bei allen Kritiken ist  doch bei aller hochdosierten Objektivität und Sachkunde eine gewisse Zuneigung, fast Wärme des Rezensenten zu spüren, die der Stadt-ohne dozierend sein zu wollen- Hilfe auf ihrem Weg in die Zukunft sein will und sein kann. Dabei ist das Panorama der Beurteilungen ungewöhnlich breit. Es bleibt kein Lebensbereich der Stadt ausgespart: dem städtischen Verkehr, dem Städtebau und der Stadtentwicklung und natürlich den Künsten in Gegenwart und Zukunft dienen die Texte, um nur einige Themen herauszugreifen. Die Kritik ist oftmals intelligent verpackt. Umwerfend komisch  Berichte über das Kölner Nachtleben u.a. mit dem Titel “Dschungel alaaf“.Schade eigentlich, dass „Rossmanns Erzählungen“ abbrechen, bliebe doch über die jüngste Neubebauung des Breslauer Platzes in seinem Ostteil manches zu sagen.

Das Glossar ist ein „Muss“ für jeden Kölner und für jeden,der Interesse an dieser Stadt hat.

Herwig Nowak

Carmen in Köln

Köln´s musikbegeistertes Publikum hat erregende und anregende Wochen und Monate hinter sich. Ein Jahr lang, zwölf Monate und noch etwas mehr, feierte man Köln´s eingeborenen Sohn, Jacques Offenbach, zu seinem 200 sten Geburtstag. Alle Fazetten seines überaus reichen musikalischen Schaffens kamen zu Gehör: Operetten wurden aufgeführt, Konzerte veranstaltet, Lesungen durchgeführt, Tänzerisches gezeigt, Spaziergänge mit Offenbach veranstaltet, Reisen sogar und selbst Madame Offenbach kam zu Wort und berichtete szenisch und musikalisch von ihrem Mann. Dabei kam manch` Vielgehörtes zu Gehör, erfreulicherweise aber auch manches Verschollene, geradezu Neue. Der Kölner Offenbach-Gesellschaft sei herzlich gedankt für ihre Initiative und deren Realisierung.

Und alles das ist jetzt vorbei? Halt! Nicht ganz. Wer lebhaftes musikalisches Geschehen liebt, für den hält die Oper Köln eine Fortsetzung bereit. Gemeint ist die sehenswerte und erlebenswerte Aufführung von Georges Bizet Oper „Carmen“. Es ist vielleicht nicht falsch, von einer musikalischen Seelenverwandtschaft zwischen Offenbach und Bizet zu sprechen. Denn beiden Komponisten ist eine gewisse Nähe zu ausdruckstarker, theatralischer, eingängiger Musik zu eigen. Und in der Tat waren beide Zeitgenossen miteinander befreundet und Bizet war einer der Gewinner eines von Offenbach zur Unterstützung junger Komponisten ausgeschriebenen Wettbewerbs. Letztlich waren auch die Librettisten für beide Komponisten, für Bizet und für Offenbach, tätig.

Aber alles das ist nicht der Grund für die hier ausgesprochene Empfehlung. “Carmen“  ist eine hochmoderne Oper. Sie behandelt in ihrer Essenz, abgesehen von allem folkloristischen-auch musikalisch-folkloristischem Beiwerk-die Stärke der Frau gegenüber dem Mann. Es ist die Frau, die sich mit ihren eigenen Moral- und Wertvorstellungen gegen die weitgehend von Männern festgelegten Lebensparameter stemmt und ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben führten möchte. Ihr steht eine schwache aber einflussreiche Männergesellschaft gegenüber. Freilich, die Frau bezahlt dafür mit ihrem Leben, aber sie hat auch das von ihr gewollte Leben gelebt. Unglaublich stark, geradezu männermordend stark Stephanie D Òustrac als Carmen von ihrem ersten Auftritt auf der noch leeren Bühne bis zu ihrem Tod. Weniger glücklich allerdings die szenische Umsetzung der Libertinität  Carmen´s in religiösen Dingen. Die Religion als blosses Dekorum abzutuen, das man verhöhnt, wird der Sache nicht gerecht.

Wie gesagt, eine hochmoderne Oper.

Herwig Nowak

Bipolare Kunstdarbietung

Eine neue Form künstlerischer Präsentation bricht sich Bahn. Gemeint ist das Sprechkonzert ,in dem sich Sprache und Ton zu einer gemeinsamen Aussage ergänzen. Eine von beiden Künsten -entweder die Musik oder die Sprache- gibt das Thema vor, das dann von der anderen Kunstform auf ihre Art und Weise interpretiert wird. Dem Zuhörer wird also ein und dasselbe Thema in zweifacher Weise dargeboten ,interpretiert :mit den Mitteln der Sprache und denen der Musik.

Der WDR bot mit seinem Sprechkonzert “Safranski und Bruckner“ in diesen Wochen ein besonders gelungenes Beispiel einer solchen bipolaren Beschäftigung mit der Kunst. Die Veranstaltung kreiste um die Werte „Religion“ und „Musik“. Der Schriftsteller und Philosoph  Rüdiger Safranski behandelte in seinem Wortbeitrag das Thema“ Kunst und Religion—Kunstreligion“ und dieses Thema wurde dann musikalisch nachinterpretiert durch zwei Musikstücke: Richard Wagners Vorspiel zum 1. Aufzug aus „Lohengrin“ und der 7. Symphonie E-Dur von Anton Bruckner, beides dargeboten von dem WDR-Symphonieorchester unter der Leitung von Marek Janowski.

Rüdiger Safranski legte in der verbalen Vorgabe für den musikalischen Teil einen hohen Massstab an .Er kritisierte zunächst unser heutiges Religionsverhalten, dem der eine Glaube weitgehend abhanden gekommen sei .Es gebe stattdessen eine Vielzahl von Glauben in allen Lebensbereichen, in denen Wissen objektiv oder subjektiv nicht gegeben sei. Beispielhaft fand hier sogar die Klimasituation Erwähnung. Der Bereich der Kunst sei davon nicht ausgenommen. Die beiden Musikkünstler des Abends ,Richard Wagner, und Anton Bruckner, seien dafür Beispiele .Hier, bei der Erörterung des Gottesbegriffs der beiden Musikkünstler des Abends lag das Schwergewicht der tiefgehenden Expertise des Referenten. Der Eine ,Richard Wagner, als der  Schöpfer einer eigenen ,neuen Religion. Der Andere, Anton Bruckner, als Traditionalist, tief im katholischen Glauben verwurzelt. Aber beide gemeinsam  ist die „Schönheit der Musik „als hohem ästhetischem Massstab zu eigen.

Nun war es aber an den Zuhörern, das Gehörte in der musikalischen Wiedergabe der genannten Werke zu entdecken oder wiederzufinden. Das war für den Einen möglicherweise leichter als für den Anderen. Denn die musikalische Wiedergabe beider Werke war  etwas unterkühlt ,zu wenig emphatisch, und liess die ästhetische Schönheit der Musik etwas zu wenig hervortreten. Alles in allem aber :ein grosser Abend.

Herwig Nowak

Interessante Zeiten vor der Flut

Es ist ein verheissungsvoller Titel, unter dem die diesjährige Biennale in Venedig steht :“May You live in an interesting time“. Und in der Tat an künstlerischen Exponaten ihrer Menge nach fehlt es nicht. Alles ist Kunst in Venedig, so könnte man sagen: in den berühmten Giardini zeigen die Staaten–die grossen wie die kleineren–in ihren älteren und moderneren Pavillons Kunst einzelner ihrer Künstler, in den Arsenale produziert sich dann die Kunst in phantastischer Breite und in der Stadt selbst wird an nicht wenigen Stellen in separaten Galerien und Örtlichkeiten nochmals Kunst geboten.

Dabei mag man gewisse konzeptionelle Unterschiede feststellen und akzeptieren. Die Ausstellungen in den Landespavillons lassen eine obrigkeitliche Einflussnahme also der Staaten selbst oder von ihnen zugeordneten Kunstorganisationen auf das Kunstangebot vermuten .Die Arsenale bieten sich dementsprechend wesentlich vielgestaltiger, bunter, abwechslungsreicher, ja frecher dar. Und natürlich gilt das auch für das Kunstgeschehen in der Stadt selbst.

In den Giardini fielen dem Rezensenten die künstlerischen Darbietungen der Schweiz und Belgiens auf. Die filmische Darstellung der Schweiz “Moving backwards“ von Pauline Boudry und Renate Lorenz ist Kunst mit politischer Aussage. Gehen wir nicht derzeit bedauerlicherweise politisch rückwärts ? Ganz anders demgegenüber die (böse) folkloristische Selbstdarstellung Belgiens von Jos de Gruyter und Harald Thys in ihrer Vielfalt von Typen und Situationen .Gut getroffen, was das Land wirklich ausmacht.

Die fast ungeordnete, den Besucher fast überfordernde  Aufeinanderfolge ist ein besonderes Kriterium dieses Teils der Ausstellung. Sie vermittelt eine geradezu unüberbietbare Vielfalt von Eindrücken, Spannungen ,Gefühlsregungen . Beispielhaft seien die Aufeinanderfolge der Kettenskulptur von Yu Jis und daran unmittelbar anschliessend die Ansammlung schwarzer ,aus Plastikmaterial bestehender Ganzkörperanzüge von Alexandra Bircken genannt.

Ja, die Kunst bietet die Chance für interessante Zeiten. Es ist an uns, in Ihnen zu leben, friedvoll und frei von kriegerischen Konflikten.

 

Herwig Nowak