Alles über Venedig?

„Venedig, Venedig-Perspektiven“ ist der Titel, den Kristof Scabo, seit einer Reihe von Jahren und mit zahlreichen Tanzproduktionen einer der Protagonisten der freien Tanzscene in unserer Stadt, seiner neuesten Arbeit gegeben hat. Aufgenommen im Kölner Orangerie Theater, war und ist sie gestreamt zu empfangen.

Wer allerdings ein Kaleidoskop all` des Schönen, Schmeichelnden und Touristengeneigten der Stadt erwartet, bleibt auf einige wenige Aspekte  beschränkt. Im Mittelpunkt steht naturgemäss der Tanz, dargeboten von drei unterschiedlichen Frauentypen, die ihre Kräfte und Ausdrucksformen dazu einsetzen ,die Stadt vor ihrer Bedrohung durch das Wasser zu retten. Ihre Bemühungen bleiben unentschieden. Aber es kommt ihnen ein Engel zur Hilfe, als Göttin der Energie und übrigens auch des Todes. Er sichert die Zukunft der Stadt ab, sodass  die Präsentation mit farbenfrohen Bildern touristischen Lebens in Venedig und leicht-eingängiger Musik schliessen kann, wie sie Touristen als Urlaubsgäste lieben .Der Autor beruft sich dabei auf Bilder von Tintoretto,  die er in seine Gedanken aufnimmt.

Dem Rezensenten seien indessen zwei Wünsche erlaubt: Man möchte sich schon eine gewisse Verständnishilfe wünschen, wenn zunächst hochgradige Tanzkunst in der etwas dürftigen Bühnenausstattung aus Holzlatten gezeigt wird, dann sollte es doch ausdrucksstärkere Bezüge zu der Stadt geben, in der das Tanzfestival stattfindet.

Auch Tintoretto bleibt sehr im Hintergrund.  Dass sich eine Kunstform Aussagen einer anderen zu eigen macht, die Literatur etwa  Bilderinhalte zum Gegenstand ihrer Aussage macht, sie beschreibt und bewertet, ist nicht neu und nicht zu kritisieren. Gleiches gilt für die Musik ,die sich ebenfalls Literarisches zu eigen macht und musikalisch verarbeitet. Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, hätte man sich die wichtige Passage der Performance, bei der sich-fussend auf den Darstellungen Tintorettos- die Zukunft der Stadt zum Guten wendet, klarer bezogen gewünscht.

Herwig Nowak

Zwei Künstlerleben in widriger Zeit:
Hans Grundig (1901-1958) und Lea Grundig (1906-1977)

Man schrieb das Jahr 1926 als sich die Lebenswege von Hans Grundig und Lea Langer in Dresden kreuzten, sie zwei Jahre später heiraten und beide seitdem ein gemeinsames Künstlerleben unter den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts begannen. Waren es zunächst die Nachwehen des ersten Weltkriegs, die das Leben und Arbeiten formten, so setzte bald der aufkommende und später der etablierte Nationalsozialismus dem Arbeiten freischaffender Künstler zunehmend enge Grenzen. Das galt zunächst für Hans Grundig, dann aber auch für seine Frau, der ihre jüdische Herkunft zusätzliche Schwierigkeiten bereitete. Hans Grundig, politisch dem Kommunismus nahe stehend, wurde mit einem Berufsverbot, Gefängnis- und Konzentrationslager-Aufenthalten belegt, seine Frau des Landes verwiesen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg normalisierten sich die Lebensbedingungen. Hans Grundig wurde zum Professor ernannt und Rektor der Dresdner Akademie der Bildenden Künste. Im Jahre seines Todes-1958-wird er mit einer grossen Ausstellung seiner Werke in Dresden geehrt. Derzeit werden er und seine Frau, die im Jahre 1977  verstarb, im Gedenken an den 120. Geburtstag des Künstlers in der renommierten Dresdner Kunst-“Galerie Mitte“ mit einer umfassenden Ausstellung unter dem Titel “Tiere und Menschen. Radierungen der 1930er Jahre aus der Sammlung Maria Heiner, Dresden“ geehrt. Interessanter Weise zeigt die Ausstellung auch Werkpaare zu gleicher Theamtik beider Künstler.

Man sollte das ausgestellte Werk von Hans Grundig in seiner Aussage durchaus als politische Kunst

werten, denn mit seinen als Radierungen dargebotenen Darstellungen von Tieren und Menschen ist durchweg eine politische Aussage verbunden. Schon durch diese Aufgabenstellung, die sich der Künstler gegeben hat, ist eine Wertigkeit des Werkes gegeben. Und sein Mut erfordert Anerkennung. Das Pferd etwa, ein beliebtes Sujet des Künstlers, ist ein fliehendes, immer wieder getriebenes (die Verfolgten). Auch die Wölfe sind eine aggressive, beissende Meute (die Verfolger). Fast überflüssig zu sagen, dass auch den Schweinen eine solche anklagende Funktion zukommt. All´ das drückt sich in der künstlerischen Art der Darstellung aus. Es sind ausgemergelte, “eckige“ Tierkörper. Man spürt die drohende Apokalypse in metaphorischer Form.

Demgegenüber ist die Stilistik von Lea Grundig in weicher, geschmeidiger,  fliessender Form gehalten.

Alles in allem:Eine Ausstellung, die durch ihre politische Aussage und deren künstlerische Realisierung Aufmerksamkeit verdient.

Herwig Nowak

Physik wird Kunst

Die freie Kunstszene in unserer Stadt ist mutig, kraftvoll, ideenreich. Dabei kommt dem Generieren neuer Kunstwerke derzeit besondere Bedeutung zu, leidet doch die Präsentation der Kunst  unter den unglücklichen Gegebenheiten der Corona Epedemie in vielfältiger und Besorgnis erregender Weise Not.

Die Kirche St. Gertrud, eine der Böhm-Kirchen in unserer Stadt und generell zuständig für „Kirche und Kultur“, verdient für das Entwickeln (und Zeigen) aktueller Kunst Beachtung. Unter dem Titel “Cold Harmonies“ wird dort  derzeit eine Rauminstallation dem Besucher dargeboten, die sich das Anliegen zu eigen macht, Gesetze der Physik musikalischen Ausdruck zu verleihen. Dabei handelt es sich-zunächst organisatorisch betrachtet- um eine Zusammenarbeit der Universität zu köln,1.Physikalisches Institut, Sonderforschungsbereich 956,Prof.Dr.Volker Ossenkopf-Okada, mit  dem Konzeptkünstler und Komponisten Tim Otto  Roth. Im Rahmen der Zusammenarbeit betreibt die Universität die physikalische Grundlagenforschung für das Experiment und der Komponist deutet diese musikalisch.

Physikalischer Ausgangspunkt der Zusammenarbeit sind die Forschungen zu Spektralnebeln, die aus Wolken von Gas und Staub bestehen und für das Entstehen neuer Sterne verantwortlich sind. Diese physikalischen Grundlagen werden ausgedeutet, d. h. interpretiert hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit, ihrer Dynamik, ihrer Transportfunktion und anderer Eigenschaften. Insbesondere sind aber die dabei entstehenden, für das menschliche Auge nicht sichtbaren Lichtwellen Gegenstand der Ausdeutung. Der Künstler setzt sie  in ein hörbares, sich stets neu komponierendes mikrotonales Klanggefüge zusammen. Das Klanggefüge ertönt aus 36 Kugeln, die in einer raumgreifenden Traube von der Kirchendecke herabhängen. Sie sind ständig in Bewegung, färben und verfärben sich immer wieder, rotieren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, kommen selten kurzfristig zu Ruhe und geben eben die verschiedenen Lautmalereien von sich. Das ist himmlische Sphärenmusik, geboren aus der Astrophysik unserer Zeit. Der Zuhörer ist beindruckt von der Vielzahl und Art dieser Mutationen.

Herwig Nowak

Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.imachination.net/carousel/cologne_d.html

Der Coronaengel

Es ist schon eigenartig mitzuerleben, wie Begriffe ihre Inhalte verändern. Da ist der Begriff “Corona“ ,immer schon mit einem bestimmten, durchaus positiven Inhalt ausgestattet, der der lateinischen Sprachenwelt zuzuordnen ist .Das galt indes nur bis der Begriffsinhalt sozusagen mutierte und sich in unseren Tagen als Bezeichnung für eine bösartige Epedemie mit ausschliesslich negativem Inhalt einbürgerte und nur noch in diesem Sinne verstanden wird.

Aber nichts gilt für ewig! Der Kölner Künstler Jürg Rutenbeck und seine Lebensgefährtin Liesel Solscheid transzendentierten diesen Begriff abermals, indem sie einen Coronaengel als stahlgefertigtes Monument nebst einer Coronageschichte schufen, die in märchenhaft anschaulicher Weise Herkunft und Wesen dieses Engels schildert. In einem Gewusel von Geist-Wesen, also sowohl von Menschen als auch von Dämonen und Engeln, unter denen die Köken eine besondere Rolle spielen, war der Coronaengel als Wächter eingesetzt. Der Coronaengel ist aus Stahl, um dadurch gegen alle übernatürlichen Bedrohungen gefeit zu sein. Die Köken, für die Menschen sehr gefährliche, unsichtbare Wesen, haben Angst vor Stahl, denn es beraubt sie ihrer übernatürlichen Kräfte. Wenn sie in die Nähe von Stahl kommen, fallen sie tot um und ihr ganzer Zauber ist vorbei. Einzig der Coronaengel wusste die Menschen vor den Köken wirkungsvoll zu schützen. Er hatte als Engel enge Verbindung zu den Göttern und die boten ihren wirkungsvollen Schutz den Menschen an.

Das  Monument des Coronaengels, derzeit provisorisch aufgestellt, könnte seine endgültige Präsentation in der Kirche St. Agnes finden, wenn dort der Kirchenbesuch seinen eingeschränkten Modus nach der Epedemie wieder verloren hat. Dann würde der Begriff „Corona“ wieder neuen, hoffnungsvollen Inhalt finden.

Herwig  Nowak

Getanzte Vielfalt

Es fehlt nicht an Bemühungen und Versuchen, die trüben und coronageschwängerten Wintertage mit etwas mehr Lebensqualität auszustatten. Ob es sich nun um die Lektüre dichterischer oder schriftstellerischer Texte, um dichterische Darbietungen oder gar tänzerische Veranstaltungen handelt, mag dahinstehen. Die Kraft künstlerischer Darbietungen ist allemal geeignet, körperliche oder geistige Tiefpunkte zu korrigieren. Um so verdienstvoller ist es, wenn sich Künstler und Kulturmanager einbringen, um für eine lebhafte Kunstscene in unserer Stadt zu sorgen. So fand in diesen Tagen zum neunten Male das internationale “Tanz. tausch-tanz und performance festival“ statt ,bei dem sich eine grosse Anzahl junger Künstler den verschiedenen Disziplinen der Tanzkunst widmete. Die Tanzkunst wurde in drei Linien präsentiert. Neben einem notwendigerweise gestreamten Bühnenprogramm, das schwergewichtig in der alten Feuerwache ablief, standen Performances und interaktive Formate sowie ein Stadtspaziergang  in der Kölner Nordstadt auf dem Programm.

Die folgende zusammenfassende Darstellung beschränkt sich auf eine Auswahl von 6 der gezeigten und getanzten Bühnenwerke: zwei Solostücke, zwei Duostücke, und zwei Mehrpersonenstücke. Eigenartigerweise lässt sich die Feststellung treffen, dass den Solostücken (Emi Miyoshi; ChemZhang und Kai Strathmann) die stärkste suggestive Kraft innewohnte, was bei dem zweiten Stück namentlich für den männlicher Part galt. Demgegenüber überzeugten die Duostücke(„bye,bye,Baby“ ;“How to take off…“) weniger. Besonders ersterem blieb jeder Neuwert versagt. Das künstlerische Schwergewicht lag bei den Mehrpersonenstücken („Those who knew the rules“;“My body is your body“).Sie übermittelten dem Zuschauer ihre Message klar und verständlich.

Alles in allem: es gebührt den Autoren und den Künstlern des Festivals Dank und Anerkennung, weil sie in diesen trüben Tagen Lichter des Tanzes aufgestellt und zum Leuchten gebracht haben.

Herwig Nowak

Frauen am Ebertplatz

Wer die „Revitalisierung“ des Ebertplatz im Vorjahr  erlebt hat, wird deren Ergebnisse möglicherweise unterschiedlich bewerten. Moderne Kunst, der zu eigen ist, Vorhandenes zu entwerten, etwa Treppenanlagen zu disfunktionalisieren, muss man in ihrer Wertigkeit schon zurückhaltend beurteilen.

Umso mehr muss man eine Neuerung belobigen, die vielleicht etwas im Verborgenen blüht. Gemeint ist  die „Legende Kölner Frauen“ der Kölner Künstlerin Zrinka Budimlija. In einem dunklen Zugang der KVB -Haltestelle zu der eigentlichen Platzanlage des Ebertplatz gelegen, werden die dortigen Leuchtkörper zu leuchtenden Kunstkörpern umfunktioniert. Sie weisen den Besucher darauf hin ,dass er sich zwar in einem reinen Zweckbau des Öffentlichen Personennahverkehrs befindet, der aber künstlerischen Zwecken durchaus zugänglich ist. Sehr abwechslungsreich werden Frauen, lebende wie bereits verstorbene ,dargestellt, für die eine  Beziehung zum Ebertplatzviertel aufgemacht werden kann. Diese kann in bereits lange verstrichenen Zeiträumen stattgefunden haben, sie  reicht aber in anderen Fällen bis in die heutige Gegenwart hinein. Thematisiert werden klösterliche Lebensverläufe aus den vier Klöstern des Stadtviertels ebenso wie heute im Viertel lebende und arbeitende Frauen. Insgesamt werden 17 Frauenbilder und 5 Texttafeln gezeigt. Letztere erklären die geschichtlichen Abläufe, die sich hinter den Frauenschicksalen verbergen. Einzelne Schicksale stellen sich als ein Teil der Kölner Stadtgeschichte dar, etwa wenn man sich den Lebensbericht über die Kölner Stadtpatronin St. Ursula vor Augen führt.

Aber die Präsentation findet ihren Aufmerksamkeitswert nicht  allein durch Geschichtliches. Die künstlerische Darstellung verdient besondere Erwähnung. Und hier ist es das Anliegen der Künstlerin,  die Frau von heute darzustellen und zu würdigen. Es ist nicht die frauliche Schönheit—oder sie ist es nicht allein–,die dargestellt werden soll, sondern es ist eher die Frau als Teil der Gesellschaft von heute: selbstbewust, zupackend ,fast arrogant und wissend um ihre Aufgabe und Funktion, die ihr in der Gesellschaft heute zukommt. Das zu zeigen,  ist das eigentliche Verdienst der  Ausstellung und ihrer Künstlerin und dafür gilt  Glückwunsch und Dank.

 

Herwig Nowak

Gelebte Freundschaft

–Jura studieren in Deutschland und Frankreich—

Wer in diesen Tagen den neuen Brexitvertrag zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich in bildungspolitischer Hinsicht durchsieht, wird ein bedauerliches Defizit erkennen. Gemeint ist der Studentenaustausch im Rahmen des Erasmusprogramms, der nach 30 erfolgreichen Jahren zum Jahresende ausläuft. Die Briten nehmen künftig lediglich am EU-Forschungsprogramm Horizon Europe und am Kernfusionsprojekt ITER  sowie am Copernicus-Satellitenprogramm und am Weltallprogramm SST teil.

All´ das mag Anlass sein, hier auf, das was bleibt hinzuweisen, speziell auf die deutsch-französische Zusammenarbeit auf dem Gebiete des Rechts, wie sie seit Jahren zwischen der Albertus Magnus Universität in Köln und der Universite` Paris (Panth`eon-Sorbonne) durchgeführt wird . Ihre grundsätzliche Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Welch` grosser Fortschritt tut sich den deutschen und den französischen Studenten auf, in einem integrierten Studiengang  als homogene Gruppe die gleichen Fächer studieren zu können und dann mit einem Doppeldiplom(Bachelor of laws und matrisse  en droit) abschliessen zu können. Bei der Matrisse sind zwei Stufen vorgesehen. Im Einzelnen ergeben sich die Teilnahmevoraussetzungen aus der homepage des Studiengangs.

Das Studium beginnt jeweils zum Wintersemester mit einem zweijährigen Aufenthalt an der Universität zu Köln. Dort belegen die Teilnehmer neben den Lehrveranstaltungen des Grundstudiums zusätzliche Lehrveranstaltungen und Arbeitsgemeinschaften im französischen Recht und im  Privatrechsvergleich. Nachdem die Prüfungen an der Kölner Universität bestanden sind ,wird das Studium in Paris fortgesetzt. Hier wird den Studenten der für die französische Maitrisse erforderliche Lehrinhalt vermittelt. Es besteht die Möglichkeit, sich im vierten Jahr zu spezialisieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss in Paris erwerben die Teilnehmer die Maitrisse en droit der Pariser Uni und den bacchelor of laws Köln/Paris.

Für den jungen Studenten begründet das geschilderte Studium eine erhebliche Erweiterung seines Wissenstableau, das-man könnte sagen- nunmehr “bipolar „ ausgelegt ist. Aber nicht nur das: auch rechts- und regelungsvergleichend stehen ihm Abwägungsmöglichkeiten zur Verfügung, die ihm ohne das Studium nicht gegeben gewesen wären. Überflüssig zu sagen, dass das deutsch-französische Doppelstudium eine günstige Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit  in Deutschland und Frankreich ist. Umso erstaunlicher ist allerdings die Feststellung, dass eine solche doppelte Ausbildung lediglich im Bereich der Rechtswissenschaften, nicht aber auch für andere geisteswissenschaftlichen Bereiche, etwa die Volkswirtschaft, gegeben ist. Ob insoweit nicht Nachholbedarf besteht?

Herwig Nowak

 

 

 

Zu den Grenzen der Freiheit

Frankreich erlebt schlimme Ereignisse. Die Enthauptung eines Lehrers durch einen islamisch motivierten Täter setzt die Reihe  krimineller Taten fort, deren bisheriger Höhepunkt der Anschlag auf die  Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“  war. Der Lehrer hatte im Rahmen seines Unterrichts die Meinungs- und Pressefreiheit thematisiert und im Rahmen des Unterrichts Mohamed Karikaturen des genannten Magazins gezeigt und zum Gegenstand des Unterrichts gemacht. Das kostete ihn letztlich sein Leben, weil ihm der Täter nach Schulschluss auflauerte und ihn dann regelrecht enthauptete. Umfangreiche Demonstrationen namentlich in Paris aber auch anderswo machten sich die offizielle regierungsseitige Kommentierung des Ereignisses zu eigen und sehen den Lehrer als Opfer der Freiheit: der Freiheit der Kunst, der Freiheit der Meinungsvielfalt ,der Freiheit ,sich auch über die Religion anderer lustig zu machen.

Soweit der Sachverhalt, wie er sich aus der Berichterstattung der Medien ergibt.

Aber ist damit wirklich alles gesagt? Ein persönliches Wort sei erlaubt: Alles im Leben hat seine Grenzen: die Freiheit selbst, sogar die Lebenserwartung und alles andere, an das man denken kann. Das gilt auch für ein Land, indem die Freiheit eine besonders hohe Wertigkeit hat, weil sie hier eine lange Geschichte hat und hart erkämpft werden musste. Und da stellt sich schon die Frage, ob die Freiheit nicht bezüglich religiöser Grundvorgaben  eine Grenze finden muss, sicherlich übrigens nicht für jedwede religiöse Detailregelung. Aber wenn es um das Ansehen eines Religionsgründers geht, dessen Gläubige unter staatlicher Billigung im Land in grosser Anzahl Aufnahme gefunden haben und die nun zu den Bürgern des Landes zählen, sollte eine Grenzziehung stattfinden. Und diese Grenze müsste im Grundsatz auch für die Karikatur gelten. Sie müsste auf das religiöse Empfinden   der Betroffenen Rücksicht nehmen, und ihnen eine Religionsfreiheit einräumen ,wie sie anderen Bürgern auch gewährt wird. Zur Klarstellung: Mit keinem Wort wird hier dem militanten Islamismus das Wort geredet, wie er  sich bedauerlicherweise in Frankreich festgesetzt hat. Aber vielleicht ist er als Gegenreaktion auf unzureichendes ,also nichtausreichend entschiedenes, vielleicht auch ungeschicktes politisches Vorgehen in der Vergangenheit zu begreifen .Ihm wäre dann mit anderem politischem Handeln beizukommen.

Herwig Nowak

Die ambivalente prometheische Kultur

Eine neue künstlerische Aufführungspraxis bricht sich zunehmend Bahn. Dem WDR kommt insoweit die Rolle eines Wegbereiters zu. “Musik im Dialog“ ist die Bezeichnung unter der sog. Sprechkonzerte veranstaltet werden, in denen sich Sprache und Ton zu einer gemeinsamen  Aussage vereinen. Kristoff Scabo, ohnehin eigenwilliger Regisseur der freien Kölner Theaterszene, und sein F.A.C.E.-Ensemble dreht diese Entwicklung noch ein paar Stufen weiter, indem er  in seiner neuen Produktion “Prometheische Kultur“, in diesen Tagen zu sehen in der „Orangerie“ im Volksgarten, Video, Performance, Sprache, Gesang und Musik zu einer Gesamtheit zusammenführt und ,wenn man will, eine neue Art von „Gesamtkunstwerk „auf die Bühne bringt.  Das Ergebnis ist überwältigend.  Dabei beansprucht das visuelle Erscheinungsbild, das dadurch entsteht, beim Zuschauer so starke Aufmerksamkeit, dass er zeitweise Schwierigkeiten hat, dem textlichen Inhalt des Stückes zu folgen. Auch in der vorliegenden Rezension soll deshalb zunächst das Bildhafte und dann das Worthafte Erwähnung finden und kurz skizziert werden.

Das Bildhafte ist stets in Aufruhr. Ob es sich um mehrere Lattengerüste handelt ,die von den agierenden Personen immer wieder zu neuen Formen verwandelt werden und damit dem menschlichen Handeln gegenüber der Natur Ausdruck geben oder um die ravissante Bildsprache der Videoprojektionen auf dem Boden und den drei Wänden: das alles zusammen mit der musikalischen Interpretation machen die starke Gesamtwirkung des Äusseren aus.

Die Worte geben die Prometheussage wieder. Sie wird interpretiert durch Texte verschiedener Dichter ,die entweder von den Schauspielern gesprochen oder über Lautsprecher zu hören sind. Auch insoweit tritt der starke Anteil der technischen Interpretation hervor, wie oben schon zum Bildhaften bemerkt. Prometheus ist eine tragische Figur. Er bringt zwar das Feuer zu den Menschen und verleiht ihnen damit gestaltende Kraft. Aber sie setzten diese nur bedingt sinnvoll ein. Zu viele Schattenseiten menschlichen Handeln werden sichtbar .An die Überforderung des Planeten ist zu denken wie ebenso an die Vermüllung der Stände und an manches andere. Gerade  unserer Jahrhundert, ja sogar unsere Gegenwart bieten Zeugnisse für eine solche Feststellung. Die „Prometheische Kultur“ deckt diese ambivalente Situation schonungslos auf. Sie ist kein „Sonntagsnachmittag Spaziergang“.

Herwig Nowak

Das neue Licht aus Kalkar

Zu den bekanntesten Kunststädten Deutschlands zählt Kalkar sicherlich nicht, wenngleich die dortige  Pfarrkirche St.Nicolai mit ihren holzgeschnitzten spätgotischen Altären eine wundersame Einheit künstlerischer Darstellungen bietet. Und diese Kirche ist es auch, die erneut zu Aufsehen Veranlassung gibt .Diesmal sind es die Fenster:22 grossflächige Glasarbeiten, künstlerisch gestaltet von dem wiesbadener Künstler  Karl-Martin Hartmann und glaskünstlerisch gefertigt von der Fa. Derrix Art Glass Consultants aus Taunusstein, die nach einer vierundzwanzigjährigen Planungs- und Bauzeit in diesen Tagen eingeweiht wurden und damit ihrerseits-so könnte man zunächst sagen-das Licht der Welt erblickt haben.

Aber korrekterweise  ist es umgekehrt :die Fenster bringen neues Licht in die Welt und wer sie sieht ,nein erlebt, durchzuckt ein Akt der Bewunderung .Das Licht ist nicht nur eine physikalische Grösse sondern wird zu einer künstlerischen, ja göttlichen Erscheinung. Wer also in diesen schönen Herbsttagen St.Nicolai besucht, erlebt einen lichtdurchfluteten Kirchenraum mit wunderbaren Lichtspielen. Die jeweils ca.12 m hohen Fensterflächen, zunächst z.T. aufgeteilt durch einen Mittelbalken aus Stein, teilte der Künstler in unterschiedlich grosse und unterschiedlich geformte Glassektoren auf ,in denen er mit Farben und Formen spielt.  Wenngleich die Formen ungegenständlich sind, findet sich in den Sektoren auch Gegenständliches, das es zu entdecken gilt. Aber natürlich stehen für den Betrachter die Farben im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Einige Fenster nehmen dadurch gefangen, dass wenige -eine oder zwei- Farben die Fensterfläche beherrschen. Bei anderen Fenstern wiederum wird  Vielfarbigkeit erzielt.  Jede fensterliche Darstellung umgibt ein umlaufendes weisses Band.  Ihm kommt Bedeutung zu, weil es die Darstellung auf dem Fenster von dem übrigen-künstlerisch vielleicht überladenen-Kirchenraum ,den berühmten Kalkarer Schnitzereien ,abgrenzt und die Aufmerksamkeit des Betrachters eben auf das Fenster und seine Darstellung lenkt.

Ein Wort der Bewunderung gilt aber auch der organisatorisch-finanziellen Seite des Werkes. Es löst grösste Hochachtung aus ,dass es massgeblich das aktive Bürgertum war, das ein solches Werk initiierte und realisierte. In unserer nicht sehr christlichen Zeit finden sich Bürger zusammen ,die ein Manifest christlicher Kunst schaffen. Der Niederrhein und das Land drumherum ist um eine künstlerische Attraktion reicher geworden.

Herwig Nowak