Rossmännisches…

-Feststellungen und Bewertungen-

Walther König ist den Kölnern eher als grosser Buchhändler, spezialisiert auf Kunstbücher, besonders  Architekturliteratur, bekannt, denn als Buchverleger. Aber auch das ist er. Und an den “Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln“ ist hier zu erinnern. Denn in ihm ist in diesen Wochen ein Buch erschienen, das Aufmerksamkeit in unserer Stadt verdient. Gemeint ist das Glossar von Andreas Rossmann “Das kann nur Köln sein“. Eben ein Glossar, das die Berichte des Kulturkorrespondenten der „ Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Andreas Rossmann, über eben diese Stadt in den letzten 40 Jahren enthält. Penibel aufgelistet, und einzelnen Themen zugeordnet, Themen, die damals und heute noch in aller Munde sind, wie Dom und Oper, und Themen von nur kurzer Aktualität.

Dabei war Rossmann nie ein liebedienerischer Kommentator. Sein Urteil, wenngleich objektiv, galt als streng und scharf formuliert. Keine zuvorkommenden Wortwendungen ,wenn es galt wahrheitgemäss und unverstellt zu berichten. Kein Kölsches Herz also, wie man es sich erhofft. Wohl klar, dass Mancher vor seiner Beurteilung geradezu Angst hatte.

Es ist schon sehr eigenartig, wie anders eine Beurteilung   der Glossen des Buches heute ausfällt und mit welcher Gefühlsstimmung man sich von dem Buch verabschiedet, wenn man es gelesen hat. Sicher wäre übertrieben, von liebevollen Einzelbeurteilungen zu sprechen. Aber bei allen Kritiken ist  doch bei aller hochdosierten Objektivität und Sachkunde eine gewisse Zuneigung, fast Wärme des Rezensenten zu spüren, die der Stadt-ohne dozierend sein zu wollen- Hilfe auf ihrem Weg in die Zukunft sein will und sein kann. Dabei ist das Panorama der Beurteilungen ungewöhnlich breit. Es bleibt kein Lebensbereich der Stadt ausgespart: dem städtischen Verkehr, dem Städtebau und der Stadtentwicklung und natürlich den Künsten in Gegenwart und Zukunft dienen die Texte, um nur einige Themen herauszugreifen. Die Kritik ist oftmals intelligent verpackt. Umwerfend komisch  Berichte über das Kölner Nachtleben u.a. mit dem Titel “Dschungel alaaf“.Schade eigentlich, dass „Rossmanns Erzählungen“ abbrechen, bliebe doch über die jüngste Neubebauung des Breslauer Platzes in seinem Ostteil manches zu sagen.

Das Glossar ist ein „Muss“ für jeden Kölner und für jeden,der Interesse an dieser Stadt hat.

Herwig Nowak

Carmen in Köln

Köln´s musikbegeistertes Publikum hat erregende und anregende Wochen und Monate hinter sich. Ein Jahr lang, zwölf Monate und noch etwas mehr, feierte man Köln´s eingeborenen Sohn, Jacques Offenbach, zu seinem 200 sten Geburtstag. Alle Fazetten seines überaus reichen musikalischen Schaffens kamen zu Gehör: Operetten wurden aufgeführt, Konzerte veranstaltet, Lesungen durchgeführt, Tänzerisches gezeigt, Spaziergänge mit Offenbach veranstaltet, Reisen sogar und selbst Madame Offenbach kam zu Wort und berichtete szenisch und musikalisch von ihrem Mann. Dabei kam manch` Vielgehörtes zu Gehör, erfreulicherweise aber auch manches Verschollene, geradezu Neue. Der Kölner Offenbach-Gesellschaft sei herzlich gedankt für ihre Initiative und deren Realisierung.

Und alles das ist jetzt vorbei? Halt! Nicht ganz. Wer lebhaftes musikalisches Geschehen liebt, für den hält die Oper Köln eine Fortsetzung bereit. Gemeint ist die sehenswerte und erlebenswerte Aufführung von Georges Bizet Oper „Carmen“. Es ist vielleicht nicht falsch, von einer musikalischen Seelenverwandtschaft zwischen Offenbach und Bizet zu sprechen. Denn beiden Komponisten ist eine gewisse Nähe zu ausdruckstarker, theatralischer, eingängiger Musik zu eigen. Und in der Tat waren beide Zeitgenossen miteinander befreundet und Bizet war einer der Gewinner eines von Offenbach zur Unterstützung junger Komponisten ausgeschriebenen Wettbewerbs. Letztlich waren auch die Librettisten für beide Komponisten, für Bizet und für Offenbach, tätig.

Aber alles das ist nicht der Grund für die hier ausgesprochene Empfehlung. “Carmen“  ist eine hochmoderne Oper. Sie behandelt in ihrer Essenz, abgesehen von allem folkloristischen-auch musikalisch-folkloristischem Beiwerk-die Stärke der Frau gegenüber dem Mann. Es ist die Frau, die sich mit ihren eigenen Moral- und Wertvorstellungen gegen die weitgehend von Männern festgelegten Lebensparameter stemmt und ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben führten möchte. Ihr steht eine schwache aber einflussreiche Männergesellschaft gegenüber. Freilich, die Frau bezahlt dafür mit ihrem Leben, aber sie hat auch das von ihr gewollte Leben gelebt. Unglaublich stark, geradezu männermordend stark Stephanie D Òustrac als Carmen von ihrem ersten Auftritt auf der noch leeren Bühne bis zu ihrem Tod. Weniger glücklich allerdings die szenische Umsetzung der Libertinität  Carmen´s in religiösen Dingen. Die Religion als blosses Dekorum abzutuen, das man verhöhnt, wird der Sache nicht gerecht.

Wie gesagt, eine hochmoderne Oper.

Herwig Nowak

Bipolare Kunstdarbietung

Eine neue Form künstlerischer Präsentation bricht sich Bahn. Gemeint ist das Sprechkonzert ,in dem sich Sprache und Ton zu einer gemeinsamen Aussage ergänzen. Eine von beiden Künsten -entweder die Musik oder die Sprache- gibt das Thema vor, das dann von der anderen Kunstform auf ihre Art und Weise interpretiert wird. Dem Zuhörer wird also ein und dasselbe Thema in zweifacher Weise dargeboten ,interpretiert :mit den Mitteln der Sprache und denen der Musik.

Der WDR bot mit seinem Sprechkonzert “Safranski und Bruckner“ in diesen Wochen ein besonders gelungenes Beispiel einer solchen bipolaren Beschäftigung mit der Kunst. Die Veranstaltung kreiste um die Werte „Religion“ und „Musik“. Der Schriftsteller und Philosoph  Rüdiger Safranski behandelte in seinem Wortbeitrag das Thema“ Kunst und Religion—Kunstreligion“ und dieses Thema wurde dann musikalisch nachinterpretiert durch zwei Musikstücke: Richard Wagners Vorspiel zum 1. Aufzug aus „Lohengrin“ und der 7. Symphonie E-Dur von Anton Bruckner, beides dargeboten von dem WDR-Symphonieorchester unter der Leitung von Marek Janowski.

Rüdiger Safranski legte in der verbalen Vorgabe für den musikalischen Teil einen hohen Massstab an .Er kritisierte zunächst unser heutiges Religionsverhalten, dem der eine Glaube weitgehend abhanden gekommen sei .Es gebe stattdessen eine Vielzahl von Glauben in allen Lebensbereichen, in denen Wissen objektiv oder subjektiv nicht gegeben sei. Beispielhaft fand hier sogar die Klimasituation Erwähnung. Der Bereich der Kunst sei davon nicht ausgenommen. Die beiden Musikkünstler des Abends ,Richard Wagner, und Anton Bruckner, seien dafür Beispiele .Hier, bei der Erörterung des Gottesbegriffs der beiden Musikkünstler des Abends lag das Schwergewicht der tiefgehenden Expertise des Referenten. Der Eine ,Richard Wagner, als der  Schöpfer einer eigenen ,neuen Religion. Der Andere, Anton Bruckner, als Traditionalist, tief im katholischen Glauben verwurzelt. Aber beide gemeinsam  ist die „Schönheit der Musik „als hohem ästhetischem Massstab zu eigen.

Nun war es aber an den Zuhörern, das Gehörte in der musikalischen Wiedergabe der genannten Werke zu entdecken oder wiederzufinden. Das war für den Einen möglicherweise leichter als für den Anderen. Denn die musikalische Wiedergabe beider Werke war  etwas unterkühlt ,zu wenig emphatisch, und liess die ästhetische Schönheit der Musik etwas zu wenig hervortreten. Alles in allem aber :ein grosser Abend.

Herwig Nowak

Interessante Zeiten vor der Flut

Es ist ein verheissungsvoller Titel, unter dem die diesjährige Biennale in Venedig steht :“May You live in an interesting time“. Und in der Tat an künstlerischen Exponaten ihrer Menge nach fehlt es nicht. Alles ist Kunst in Venedig, so könnte man sagen: in den berühmten Giardini zeigen die Staaten–die grossen wie die kleineren–in ihren älteren und moderneren Pavillons Kunst einzelner ihrer Künstler, in den Arsenale produziert sich dann die Kunst in phantastischer Breite und in der Stadt selbst wird an nicht wenigen Stellen in separaten Galerien und Örtlichkeiten nochmals Kunst geboten.

Dabei mag man gewisse konzeptionelle Unterschiede feststellen und akzeptieren. Die Ausstellungen in den Landespavillons lassen eine obrigkeitliche Einflussnahme also der Staaten selbst oder von ihnen zugeordneten Kunstorganisationen auf das Kunstangebot vermuten .Die Arsenale bieten sich dementsprechend wesentlich vielgestaltiger, bunter, abwechslungsreicher, ja frecher dar. Und natürlich gilt das auch für das Kunstgeschehen in der Stadt selbst.

In den Giardini fielen dem Rezensenten die künstlerischen Darbietungen der Schweiz und Belgiens auf. Die filmische Darstellung der Schweiz “Moving backwards“ von Pauline Boudry und Renate Lorenz ist Kunst mit politischer Aussage. Gehen wir nicht derzeit bedauerlicherweise politisch rückwärts ? Ganz anders demgegenüber die (böse) folkloristische Selbstdarstellung Belgiens von Jos de Gruyter und Harald Thys in ihrer Vielfalt von Typen und Situationen .Gut getroffen, was das Land wirklich ausmacht.

Die fast ungeordnete, den Besucher fast überfordernde  Aufeinanderfolge ist ein besonderes Kriterium dieses Teils der Ausstellung. Sie vermittelt eine geradezu unüberbietbare Vielfalt von Eindrücken, Spannungen ,Gefühlsregungen . Beispielhaft seien die Aufeinanderfolge der Kettenskulptur von Yu Jis und daran unmittelbar anschliessend die Ansammlung schwarzer ,aus Plastikmaterial bestehender Ganzkörperanzüge von Alexandra Bircken genannt.

Ja, die Kunst bietet die Chance für interessante Zeiten. Es ist an uns, in Ihnen zu leben, friedvoll und frei von kriegerischen Konflikten.

 

Herwig Nowak

Neue Neue Musik

Wer glaubte, die Neue Musik sei tot, der wurde in diesen Wochen und Monaten in Frankfurt eines Besseren belehrt. Dort nämlich gab die Ausstellung „Big Orchestra“ in der Schirn Kunsthalle einen Einblick in aktuelles Musikschaffen. Es mag dahinstehen ,ob sich dieses wirklich als Fortsetzung dessen darstellt, was  seit den 60 er Jahren als „Neue Musik“ bezeichnet wird. Jedenfalls aber manifestiert sich hier abermals ein „neuer jäher qualitativer Sprung“ ebenso wie jenen,mit dem zu Beginn des 20.sten Jahrhunderts die Neue Musik auf den Markt trat.

Dabei ist ein Kriterium des ganz Neuen die enge Verbindung, ja Abhängigkeit von Instrument und Künstler. Die künstlerische Arbeit ist ein Hybrid, das Hörbare und das Sichtbare stehen gleichwertig auf einer Stufe. Das Klangerlebnis hat mithin zwei Quellen. Dabei ist es regelmässig der Künstler selbst, der dem Hörbaren und dem Sichtbaren zu Leben verhilft. Es werden Alltagsgegenstände  zweckentfremdet, wie etwa  der Onyx Music Table des Multimediakünstlers Doug Aitken, wo die Platte eines Tisches durch ein geometrisch angeordnetes Mosaik aus Onyxmarmortafeln ersetzt wird, das mit Schlägern wie ein Lithophon bespielt wird. Die Klangskulptur zur Erweiterung des Tischgesprächs. Nevin Alsdag  greift die Idee und Form des historischen Musikzimmers auf ,in dem sich Menschen zum Musizieren treffen. Die Künstlerin bespannt Möbel mit Saiten und funktioniert sie somit zu Musikinstrumenten um. Mit einfachsten Mitteln schafft Rie Nakajiama aus Gegenständen des täglichen Bedarfs unvorhersehbare ,kinetische Klangwerke .Bei einigen Objekten ist die ursprüngliche Funktion noch klar erkennbar, andere sind mit Aufziehmechanismen versehen oder mit winzigen Elektromotoren verkabelt. Nakajiama aktiviert die Objekte nach und nach, sukzessive entfalten sie Klang-und Bewegungspotentiale. Die Arbeit „pret a porte“ von Christian Marclay basiert auf einer Kollektion aus gefundenen Kleidungsstücken auf denen Noten aufgedruckt sind. Sie erklingt als Zusammenspiel von Performern einerseits, die diese Kleidungsstücke anziehen, und Musikern andererseits, die die Noten von den Körpern ablesen und interpretieren. Hier fungiert die Partitur als lose Rahmenordnung für die musikalischen Improvisationen und ermöglicht eine grosse Vielzahl davon.

Diese Vielzahl von Improvisationen wird auch dadurch erreicht, dass  die Kunstwerke auf bewegliche Plattformen montiert werden und dadurch ein unterschiedliches  Zusammenspiel verschiedener Instrumente ermöglichen. Der Vielstimmigkeit der Werke sind mithin fast keine Grenzen gesetzt.

Einen anderen Weg zur Vielstimmigkeit geht Orm Finnendahl. Ausgehend von Tonaufnahmen, die er  mit den ausgestellten künstlerischen Skulpturen erzeugt hat, werden  mit Hilfe eine Computerprogramms während der Präsentation immer wieder verändert, kollagiert, überlagert ,sodass jeweils neue musikalische Situationen entstehen .Diese werden durch einzelne Lautsprecher oder eine Vielzahl davon in das Ausstellungsgelände übertragen, sodass die unterschiedlichsten Klangbilder entstehen.

Mag die Gebundenheit  von Künstler und Instrument auch keine neue musikalische Gegebenheit sein und ihr schon immer Bedeutung zugekommen sein ,so bieten doch andere musikbezogene Kriterien, die in der Ausstellung angesprochen wurden, für den interessierten Laien einen staunenswert-unverhofften Einblick in neueste Entwicklungen der Musikkultur. Und ist man auch nicht sicher, ob die musikalische Entwicklung, wie dargestellt im Sinne einer neuen Neuen Musik verläuft, so ist es doch das Verdienst der Ausstellung, einem breiten Publikum eine weithin unbekannte Entwicklungsmöglichkeit vorgestellt zu haben.

Herwig Nowak

Soavi´s Offenbach

Vielleicht ist der Tanz die Kunstform, die heutige Gedanken und Empfindungen am ausdrücklichsten dazustellen vermag. Natürlich, auch die heutige Literatur will modern sein in diesem Sinne und unsere Malerei will Zeitgenössisches widergeben. Aber die Möglichkeiten des Tanzes, unseren Zeitgeist und seine seelischen Strömungen zu spiegeln, sind dennoch vielfältiger. Hier ist es der darstellende Körper, der sich heute frei von jeglichen früheren Konventionen des Barock oder des 19.Jahrhunderts zeigen kann und Geistiges in seinen vielen Schattierungen ausdrücken kann.

In diesem Sinne bot sich in Köln in diesen Tagen Erstaunliches, ja Meisterhaftes. Denn die Kompanie des jungen Choreografen Emanuele Soavi stellte als Auftragsarbeit der Kölner Offenbach- Gesellschaft e.V. ihre „Invasion—Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach“ vor. Es waren 6 Tänzer, die ein Feuerwerk tänzerischer Leistungen abbrannten, mit dem das Wirken Offenbachs in der Kunstmetropole der damaligen Welt charakterisiert werden sollte. Dabei ging es wohl eher darum, Wirkungen seiner Werke in der Pariser Stadtgesellschaft aufzuzeigen, als den Versuch einer reinen  Interpretation zu machen.

Ohnehin wurden nicht alle getanzten Stücke der „Invasion“ musikalisch untermalt. Dabei boten aber  die von zwei Cellistinnen  gespielten Duette den durchaus tiefgründigen, nicht allenthalben gespielten Offenbach, z.T. übrigens durch elektronische Musik ergänzt.

Aber die Tanzstücke, ob nun musikalische untermalt oder nicht, waren voll von tänzerischer Intensität, ob kurz ,geradezu stakkatohaft dargeboten ,oder in einer legendenhaften Ausdehnung. Dabei fanden technische Hilfsmittel als Requisiten nur sparsam Verwendung. Grossflächige Fiberglasplatten etwa werden genutzt, um Szenen aus dem menschlichen Leben zu verdeutlichen, die Vereinsamung, das Zusammenleben, den Tod. Das diente der Klarheit der Aussage, die man sich bei einzelnen Szenen allerdings deutlicher gewünscht hätte.Insgesamt:70 aussergewöhnliche Minuten, die ein überraschtes, ja überwältigtes Publikum zurückliessen.

Herwig Nowak

 

A I WEIWEI in Düsseldorf

Wer sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt, trifft immer wieder auf den chinesischen Gegenwartskünstler A I WEIWEI.Es nimmt nicht wunder, dass sich auch die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen an gleich zwei Ausstellungsstätten den Künstler zu eigen macht und die Diskussion um ihn anregt. Dabei mögen sowohl die verwandten Sujets als auch deren künstlerische Verarbeitung als fremdländisch Aufmerksamkeit erregen.

 

Zunächst nimmt der Ausstellungsraum K 20 den Besucher durch ungewöhnlich  grossflächige Exponate auf dem Boden und an den Wänden gefangen. In dem beherrschenden Werk “Sunflower seeds“ wird die Bodenfläche der Ausstellungshalle in 650 Quadratmeter Grösse mit über 60 Millionen einzeln anfertigten, handbemalten Porzellanelementen ,Sonnenblumenkernen eben, in einer Höhe von ca.20 cm belegt. Der einzelne Kern verliert jedwede Bedeutung, was wirkt, ist die Masse.

 

Mit einer Anordnung von Holzsärgen, in denen geradegerichtete Moniereisenstangen liegen, wird an ein grosses Erdbeben erinnert, bei dem im Jahre 2008 70.000 Menschen darunter 5.000 Schulkinder ihr Leben liessen. Die hohe Anzahl toter Kinder wird auf eine nachlässige Ausführung des Schulgebäudes zurückgeführt, in dem die Kinder unterrichtet wurden. Die Begradigung des Eisens kann zwar das äussere Geschehen korrigieren, hält aber die Erinnerung an das fatale Geschehen fest.

 

Aufgereiht an 40 Kleiderständern werden die 2045 Kleidungsstücke gezeigt, die nach der Auflösung eines Flüchtlingslagers aufgefunden wurden. Sie konfrontieren den Besucher mit der Realität von Vertreibung und Flucht mit grosser Härte, geradezu Brutalität.

 

Die Düsseldorfer Ausstellung schildert politische Sachverhalte, die sie anklagt ,aber  deren Besserung oder Beseitigung sie nicht aufzuzeigen in der Lage ist. Insoweit ist sie Dokumentation, bei der sich fragt, ob sie mit künstlerischen Mitteln abgearbeitet wird. Insoweit sollte man hinter die Einleitung des Kurzführers der Ausstellung „Alles ist Kunst. Alles ist Politik“ ein Fragezeichen setzen. Insgesamt sehenswert, aber kein Sonntagsspaziergang.

Offenbach überstrahlt alles

–Eine Erwiderung

Intensiven Lesern der Kölner Stadtpresse wird in diesen Wochen der gründliche Verriss nicht entgangen sein, den das Flagschiff der Kölner Oper für das Offenbachjahr 2019 hat hinnehmen müssen: “Die Grossherzogin von Gerolstein“.Dabei steht die Übertragung des eigentlichen Inhalts des Stücks hin zu den Problemen unserer Tage im Mittelpunkt der Kritik. Offenbach`s Soldaten werden zu Waldbesetzern im Hambacher Forst und kämpfen für den Goldenen Frosch. Weitere Aktualisierungen in der Aufführung sind wohlfeil.

Die Inszenierung folgt damit Zeitgeist. Denn die Übertragung der eigentlichen Inhalte künstlerischer Werke in die Jetztzeit oder ihre Anreicherung mit Problemen von heute ist üblich geworden und wird grundsätzlich akzeptiert. Warum sollte man auch nicht alten Problemen ein neues Kleid überziehen und sie so aktualisiert darbieten? Freilich sollte damit nur die Verpackung geändert, aktualisiert sein, die eigentliche Problemstellung die geschildert werden soll, muss sakrosankt bleiben. Und das gelingt im vorliegenden Falle meisterhaft sowohl bezogen auf die beabsichtigte Kritik an militärischem Gehabe als auch ,bezogen auf die kleinstaatliche Wichtigtuerei. Dabei ist die Bühne in bester Offenbachscher Manier von grösstem Leben erfüllt, sie kommt keinen Moment zur Ruhe. Allgegenwärtig beleben waldschratartige Geschöpfe krabbelnd und kraxelnd, auch tanzend, das farbenfrohe Bühnenbild. All`das entbehrt keineswegs des Witzes ,wenngleich man hier vielleicht treffender von Jeckereien sprechen sollte.

Und dazu Offenbachsche Musik. Sie überstrahlt alles. Mit der Ouvertüre beginnend, wird der Zuhörer von einem Strom von Melodien umspült. Sie tragen das Stück nicht zuletzt ,weil sie von Francois-Xavier Roth mit französischer Leichtigkeit dargeboten werden .Welch`geistreicher Wohlklang, der sich übrigens auch bei der WDR 3- Übertragung am 23. Juni 2019 einstellte, wo der Zuhörer seine Aufmerksamkeit allein der Musik widmen konnte.

Herwig Nowak

Offenbach-der Spötter

„Unsere Stadt ist voll von Offenbach“, so könnte man sagen. Die Kölner Offenbach-Gesellschaft, auch die Kölner Oper und manch` anderer Veranstalter überbieten sich fast in der Erinnerung an den geborenen Kölner, der in Paris musikalischen Ruhm erlangte. Wen wundert, dass sich auch die „Freunde des Institut francais Köln e.V.“ in nicht wenige als 10 Präsentationen des Themas annehmen.

Die jüngste war eine literarische, bei der Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt, das grundlegende Werk über den Komponisten “Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ von Siegfried Kracauer auszugsweise vortrug. Bei der Interpretation des Werks assistierte ihr kenntnisreich der Kölner Journalist Dr. Axel Bornkessel. Zwei Offenbach Spezialisten hatten also das Wort.

Allein eine solche Präsenz verheisst schon Besonderes. Sie wurde getoppt durch die spezielle Thematik des Abends. Sie nämlich galt einem Wesenszug des Meisters, den man nicht entschieden genug in den Vordergrund rücken kann. Offenbach- sicherlich gemeinsam mit seinen Librettisten- war ein sehr kritischer Begleiter seiner Zeit. Viele Werke von ihm verstehen sich inhaltlich und musikalisch dadurch, dass er seiner Zeit den Spiegel vorhält, sie satirisch betrachtet. Und diese Satire ist das Salz in der textlichen und musikalischen Suppe. Ohne ihr Verständnis bleibt die Musik Offenbach schön und schmissig, aber wertvoll wird sie erst durch die Satire. Die charmante Referentin machte diese Aussage an zwei Operetten fest: dem „Pariser Leben“ und der“ Grossherzogin von Gerolstein“.Das „Pariser Leben“, die zauberhafteste aller Hymnen auf eine Stadt, ist dennoch geprägt von einer tiefen Skepsis den Despoten, Helden und selbst den Göttern gegenüber, die musikalisch von einer rauschhaft schönen Musik begleitet wird. Noch ironischer vielleicht die „Grossherzogin von Gerolstein“, die die deutsche Kleinstaaterei, die Militärisches und die den kaiserlichen (russischen)Hof aufs Korn nimmt und voll ist von Seitenhieben damals aktuellen, politischen Inhalts. Vieles davon lässt sich auf unsere Jetztzeit übertragen.

Herwig Nowak

Die Künste sind stärker

Dass der diesjährige Europawahlkampf lethargisch, ja sogar lieblos geführt würde, kann man so nicht wirklich sagen. Kölns Ausfallstrassen sind gut bestückt mit Plakaten und Aufstellern zu diesem Anlass. Dass diese allerdings den Bürger zu einem europafreundlichen Wahlverhalten animieren könnten, ist auch nicht unbedingt der Fall. Denn manche Aussagen sind wenig europabezogen, nicht europaspezifisch genug, und könnten in jedem anderen Wahlkampf ähnlich getroffen werden. Andere wiederum sind so detailverliebt, dass sie in einem solchen Wahlkampf um das politische Schicksal eines Kontinents fehl am Platze sind.

Da bieten die Künste–und hier ist an die Musik im besonderen zu denken– ein anderes Bild. Erwähnt seien zwei Konzerte mit europapolitischer Zielsetzung, die in diesen Wochen zu Gehör kamen.

Im Rahmen seiner Konzerte zur Spitzenklassik liess der WDR als „Musik im Dialog“ ein sog. Sprachkonzert, also eine Veranstaltung, bestehend aus Vortrag und Musik, zur Aufführung bringen. Ferdinand von Schirrach zeigte in seinem Sprachteil die europäischen Werte auf, die es zu verteidigen gilt. Er setzt sich für eine europäische Verfassung ein mit dem Recht des Menschen auf eigene Daten, eine unversehrte Umwelt und dem Schutz wirtschaftlicher Privatinteressen. Der musikalische Teil des Sprachkonzerts macht das absolute Gegenteil zum Thema: Bela Bartoks Operneinakter “Herzog Blaubarts Burg“ mit einem menschenmordenden, bestialischen Lust-und Gewaltmenschen als Herzog. Nur die hohe musikalische Qualität der Interpreten liess die Grausamkeit des Stückes erträglich werden.

Noch intensiver machte ein Extrakonzert des Gürzenich- Orchesters die Werte klar, die wir in Europa zu verteidigen haben.Werke von Joseph Haydn, Camille Saint Saens und Ludwig von Beethoven als Klassiker und solche der Modernisten György Ligeti und Shanin Najafi kamen zu Gehör. Sie waren ausgesucht worden unter dem Gesichtspunkt ihre Repräsentanz für multikulturelles Künstlertum und Kulturgeschehen in Europa. Europa wird hier gelebt in der facettenreichen Vielfalt der Musik selbst, der Vita der Komponisten und jener der Interpreten. Alles in allem ein grossartiges konzertantes Erlebnis.

Der Zuhörer aber verlässt die Konzerte in einem Zustand heilsamer Läuterung. Die Musik macht ihm klar, was Europa ist, für was es lohnt, sich zu engagieren und was erhalten werden muss.

Herwig Nowak