Die Künste sind stärker

Dass der diesjährige Europawahlkampf lethargisch, ja sogar lieblos geführt würde, kann man so nicht wirklich sagen. Kölns Ausfallstrassen sind gut bestückt mit Plakaten und Aufstellern zu diesem Anlass. Dass diese allerdings den Bürger zu einem europafreundlichen Wahlverhalten animieren könnten, ist auch nicht unbedingt der Fall. Denn manche Aussagen sind wenig europabezogen, nicht europaspezifisch genug, und könnten in jedem anderen Wahlkampf ähnlich getroffen werden. Andere wiederum sind so detailverliebt, dass sie in einem solchen Wahlkampf um das politische Schicksal eines Kontinents fehl am Platze sind.

Da bieten die Künste–und hier ist an die Musik im besonderen zu denken– ein anderes Bild. Erwähnt seien zwei Konzerte mit europapolitischer Zielsetzung, die in diesen Wochen zu Gehör kamen.

Im Rahmen seiner Konzerte zur Spitzenklassik liess der WDR als „Musik im Dialog“ ein sog. Sprachkonzert, also eine Veranstaltung, bestehend aus Vortrag und Musik, zur Aufführung bringen. Ferdinand von Schirrach zeigte in seinem Sprachteil die europäischen Werte auf, die es zu verteidigen gilt. Er setzt sich für eine europäische Verfassung ein mit dem Recht des Menschen auf eigene Daten, eine unversehrte Umwelt und dem Schutz wirtschaftlicher Privatinteressen. Der musikalische Teil des Sprachkonzerts macht das absolute Gegenteil zum Thema: Bela Bartoks Operneinakter “Herzog Blaubarts Burg“ mit einem menschenmordenden, bestialischen Lust-und Gewaltmenschen als Herzog. Nur die hohe musikalische Qualität der Interpreten liess die Grausamkeit des Stückes erträglich werden.

Noch intensiver machte ein Extrakonzert des Gürzenich- Orchesters die Werte klar, die wir in Europa zu verteidigen haben.Werke von Joseph Haydn, Camille Saint Saens und Ludwig von Beethoven als Klassiker und solche der Modernisten György Ligeti und Shanin Najafi kamen zu Gehör. Sie waren ausgesucht worden unter dem Gesichtspunkt ihre Repräsentanz für multikulturelles Künstlertum und Kulturgeschehen in Europa. Europa wird hier gelebt in der facettenreichen Vielfalt der Musik selbst, der Vita der Komponisten und jener der Interpreten. Alles in allem ein grossartiges konzertantes Erlebnis.

Der Zuhörer aber verlässt die Konzerte in einem Zustand heilsamer Läuterung. Die Musik macht ihm klar, was Europa ist, für was es lohnt, sich zu engagieren und was erhalten werden muss.

Herwig Nowak

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