Neue Neue Musik

Wer glaubte, die Neue Musik sei tot, der wurde in diesen Wochen und Monaten in Frankfurt eines Besseren belehrt. Dort nämlich gab die Ausstellung „Big Orchestra“ in der Schirn Kunsthalle einen Einblick in aktuelles Musikschaffen. Es mag dahinstehen ,ob sich dieses wirklich als Fortsetzung dessen darstellt, was  seit den 60 er Jahren als „Neue Musik“ bezeichnet wird. Jedenfalls aber manifestiert sich hier abermals ein „neuer jäher qualitativer Sprung“ ebenso wie jenen,mit dem zu Beginn des 20.sten Jahrhunderts die Neue Musik auf den Markt trat.

Dabei ist ein Kriterium des ganz Neuen die enge Verbindung, ja Abhängigkeit von Instrument und Künstler. Die künstlerische Arbeit ist ein Hybrid, das Hörbare und das Sichtbare stehen gleichwertig auf einer Stufe. Das Klangerlebnis hat mithin zwei Quellen. Dabei ist es regelmässig der Künstler selbst, der dem Hörbaren und dem Sichtbaren zu Leben verhilft. Es werden Alltagsgegenstände  zweckentfremdet, wie etwa  der Onyx Music Table des Multimediakünstlers Doug Aitken, wo die Platte eines Tisches durch ein geometrisch angeordnetes Mosaik aus Onyxmarmortafeln ersetzt wird, das mit Schlägern wie ein Lithophon bespielt wird. Die Klangskulptur zur Erweiterung des Tischgesprächs. Nevin Alsdag  greift die Idee und Form des historischen Musikzimmers auf ,in dem sich Menschen zum Musizieren treffen. Die Künstlerin bespannt Möbel mit Saiten und funktioniert sie somit zu Musikinstrumenten um. Mit einfachsten Mitteln schafft Rie Nakajiama aus Gegenständen des täglichen Bedarfs unvorhersehbare ,kinetische Klangwerke .Bei einigen Objekten ist die ursprüngliche Funktion noch klar erkennbar, andere sind mit Aufziehmechanismen versehen oder mit winzigen Elektromotoren verkabelt. Nakajiama aktiviert die Objekte nach und nach, sukzessive entfalten sie Klang-und Bewegungspotentiale. Die Arbeit „pret a porte“ von Christian Marclay basiert auf einer Kollektion aus gefundenen Kleidungsstücken auf denen Noten aufgedruckt sind. Sie erklingt als Zusammenspiel von Performern einerseits, die diese Kleidungsstücke anziehen, und Musikern andererseits, die die Noten von den Körpern ablesen und interpretieren. Hier fungiert die Partitur als lose Rahmenordnung für die musikalischen Improvisationen und ermöglicht eine grosse Vielzahl davon.

Diese Vielzahl von Improvisationen wird auch dadurch erreicht, dass  die Kunstwerke auf bewegliche Plattformen montiert werden und dadurch ein unterschiedliches  Zusammenspiel verschiedener Instrumente ermöglichen. Der Vielstimmigkeit der Werke sind mithin fast keine Grenzen gesetzt.

Einen anderen Weg zur Vielstimmigkeit geht Orm Finnendahl. Ausgehend von Tonaufnahmen, die er  mit den ausgestellten künstlerischen Skulpturen erzeugt hat, werden  mit Hilfe eine Computerprogramms während der Präsentation immer wieder verändert, kollagiert, überlagert ,sodass jeweils neue musikalische Situationen entstehen .Diese werden durch einzelne Lautsprecher oder eine Vielzahl davon in das Ausstellungsgelände übertragen, sodass die unterschiedlichsten Klangbilder entstehen.

Mag die Gebundenheit  von Künstler und Instrument auch keine neue musikalische Gegebenheit sein und ihr schon immer Bedeutung zugekommen sein ,so bieten doch andere musikbezogene Kriterien, die in der Ausstellung angesprochen wurden, für den interessierten Laien einen staunenswert-unverhofften Einblick in neueste Entwicklungen der Musikkultur. Und ist man auch nicht sicher, ob die musikalische Entwicklung, wie dargestellt im Sinne einer neuen Neuen Musik verläuft, so ist es doch das Verdienst der Ausstellung, einem breiten Publikum eine weithin unbekannte Entwicklungsmöglichkeit vorgestellt zu haben.

Herwig Nowak

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